Die sportliche Heimat gefunden

Nach 1842 Tagen fern­ab vom Brügg­li­feld kehr­te Linus Obex­er im ver­gan­ge­nen Som­mer an die­sen für ihn ganz beson­de­ren Ort zurück.

Sei­ne Rei­se begann im Som­mer 2019 nach der Lei­he in Aar­au mit einer kur­zen Rück­kehr zu sei­nem Stamm­ver­ein BSC Young Boys. Dort wur­de ihm eine erneu­te Lei­he, dies­mal in die Super League zum FC Luga­no, nahe­ge­legt. Nach einem har­zi­gen Start im Tes­sin sam­mel­te er dort wert­vol­le Erfah­run­gen in der obers­ten Schwei­zer Spiel­klas­se. Zudem konn­te er meh­re­re Spie­le in der UEFA Euro­pa League bestrei­ten. Beson­ders im Gedächt­nis bleibt ihm sein Debüt aus­wärts gegen Mal­mö FF – vor stim­mungs­vol­ler Kulis­se und mit gros­ser media­ler Auf­merk­sam­keit. Die inten­si­ven Wochen mit dop­pel­ter Belas­tung, vie­len Rei­sen und gros­sen Sta­di­en behält er in guter Erin­ne­rung.

«Er sag­te mir, dass ich mir über­le­gen sol­le, ob ich irgend­ei­ne Num­mer in der Super League sein wol­le oder nicht lie­ber beim FC Aar­au eine ech­te Rol­le ein­neh­men möch­te.»
— Linus Obex­er, über Ex-FCA-Che­f­­trai­­ner Ste­phan Kel­ler

Doch dann kam der ers­te Coro­­na-Lock­­down, den er in sei­ner Hei­mat­stadt Bern ver­brach­te. Als der Trai­nings­be­trieb wie­der star­te­te, erlitt er einen Ermü­dungs­bruch im Fuss – eine Ver­let­zung, die eine Ope­ra­ti­on und Reha nach sich zog. Die Unge­wiss­heit, wie es wei­ter­ge­hen wür­de, war nicht ein­fach. Zwar sah es anfangs nach einer Ver­trags­ver­län­ge­rung in Luga­no aus, doch letzt­lich kam es nicht dazu. Ein Inter­es­se aus der 2. Bun­des­li­ga zer­schlug sich eben­falls, und so ent­schied sich Obex­er schliess­lich für den Wech­sel zum dama­li­gen Super-Ligis­­ten FC Vaduz, wo er einen Zwei-Jah­­res-Ver­­­trag unter­schrieb.

Auch eine Rück­kehr zu Aar­au stand damals zur Debat­te. Vom Tele­fo­nat mit dem dama­li­gen FCA-Che­f­­trai­­ner Ste­phan Kel­ler blieb Obex­er ein Satz beson­ders in Erin­ne­rung. «Er sag­te mir, dass ich mir über­le­gen sol­le, ob ich irgend­ei­ne Num­mer in der Super League sein wol­le oder nicht lie­ber beim FC Aar­au eine ech­te Rol­le ein­neh­men möch­te», so Obex­er. Der Satz hallt bis heu­te nach. «Ich war zu die­ser Zeit getrie­ben von der Super League. Ob die Ent­schei­dung rich­tig war, sei dahin­gestellt.»

Linus Obex­er nach sei­ner Rück­kehr im Aar­au­er Jubi­lä­ums­tri­kot

Beim FC Vaduz bestritt Obex­er ins­ge­samt 53 Pflicht­spie­le, inklu­si­ve Ein­sät­ze in der UEFA Con­fe­rence League und dem all­jähr­li­chen Tri­umph im Liech­ten­stei­ner Cup – und trotz­dem war die Zeit im Länd­le her­aus­for­dernd für Linus Obex­er. Die Distanz zu sei­ner Hei­mat mach­te ihm zu schaf­fen, dazu kam die auch durch Coro­na beding­te Ein­sam­keit, sodass die Freu­de am Fuss­ball zeit­wei­se ver­lo­ren ging.

In der Win­ter­pau­se der Sai­son 2021/22 war Sta­de Lau­sanne Ouchy an einer Ver­pflich­tung Obex­ers inter­es­siert, doch erst im dar­auf­fol­gen­den Som­mer kam der Wech­sel schliess­lich zustan­de – auch wegen der Nähe zu sei­ner Hei­mat­stadt Bern. Dies stell­te sich als Glücks­griff her­aus: Er spiel­te viel, erreich­te mit Ouchy die Bar­ra­ge und stieg schliess­lich sen­sa­tio­nell in die Super League auf. «Das Hin­spiel in der Bar­ra­ge gegen Sion war eines mei­ner bes­ten Spie­le, doch die Tage zwi­schen den bei­den Par­tien waren eine extre­me men­ta­le Belas­tung», erzählt Obex­er in Gedan­ken an die trau­ma­ti­sche Erin­ne­rung aus Aar­au. «Die Bar­ra­ge an und für sich ist nun ver­ar­bei­tet, aber auf das wirk­li­che Hap­py End war­te ich wei­ter­hin.»

Linus Obex­er mit sei­nem früh ver­stor­be­nen Freund Elia Ales­sand­ri­ni

Ein prä­gen­des Erleb­nis sei­ner­zeit in Ouchy war der plötz­li­che Tod sei­nes Mit­spie­lers Elia Ales­sand­ri­ni, einer sei­ner bes­ten Freun­de. Die bei­den kann­ten sich seit ihrer frü­hes­ten Jugend und gin­gen gemein­sam ihren Weg durch die Nach­wuchs­ab­tei­lung von YB bis in die 1. Mann­schaft. Auch besuch­ten sie zusam­men die Sport­schu­le von der 7. bis zur 9. Klas­se und absol­vier­ten danach gemein­sam fünf Jah­re im Gym­na­si­um. Ihr All­tag war iden­tisch, unzäh­li­ge Stun­den ver­brach­ten sie mit­ein­an­der und teil­ten vie­le beson­de­re Momen­te – sei es auf dem Fuss­ball­platz oder in ihrer Frei­zeit – und spiel­ten schliess­lich gemein­sam bei Sta­de Lau­sanne Ouchy.

«Elia war einer der Men­schen, die ich am meis­ten gese­hen habe in mei­nem Leben. Er war ein Macher, jemand, der immer alles legen­där machen woll­te – und es auch geschafft hat.»
— Linus Obex­er, über Elia Ales­sand­ri­ni

Dann kam der Schock: Wäh­rend eines Urlaubs mit sei­ner Freun­din ver­starb Ales­sand­ri­ni aus nicht abschlies­send geklär­ter Ursa­che. Obex­er selbst war zu die­sem Zeit­punkt eben­falls in den Feri­en, und die Nach­richt traf ihn extrem hart. «Elia war einer der Men­schen, die ich am meis­ten gese­hen habe in mei­nem Leben», sagt Obex­er heu­te. Und: «Er war ein Macher, jemand, der immer alles legen­där machen woll­te – und es auch geschafft hat.» Im Ver­ein blieb Ales­sand­ri­ni wei­ter­hin prä­sent. Beson­ders in Erin­ne­rung bleibt Obex­er ihre letz­te gemein­sa­me Rei­se, wel­che eine Grup­pe von Ouchy-Spie­­lern in Bar­ce­lo­na ver­brach­te – inten­si­ve und unver­gess­li­che Tage, die nun einen bit­ter­süs­sen Bei­geschmack haben.

Die Sai­son mit Ouchy in der Super League war schwie­rig. Die Eupho­rie aus der Bar­ra­ge war rasch ver­flo­gen: Wenig Zuschau­er, vie­le Nie­der­la­gen – und dann auch noch eine Fuss­ge­lenks­ope­ra­ti­on, wel­che ihn wäh­rend län­ge­rer Zeit aus­ser Gefecht setz­te. Auf­grund des kom­ple­xen Hei­lungs­pro­zes­ses mit anhal­ten­den Schmer­zen kam Obex­er in der Rück­run­de nicht mehr zum Ein­satz. Und so muss­te er den Wie­der­ab­stieg des Lau­san­ner Quar­tier­ver­eins taten­los mit­an­se­hen, gefolgt von der Suche nach einem neu­en Arbeit­ge­ber.

Linus Obex­er mit Mar­co Tha­ler

Dann kam Aar­au wie­der. End­lich pass­te es für bei­de Par­tei­en, für Obex­er war die Rück­kehr ein «abso­lu­tes Heim­kom­men». Doch was ist bei Aar­au anders als bei den ande­ren Ver­ei­nen? «Der FC Aar­au deckt alle mei­ne Bedürf­nis­se ab. Die Leu­te lie­ben den Ver­ein, sie sind mit ihm ver­bun­den. Es macht unglaub­lich Spass mit die­ser Mann­schaft, sowohl auf als auch neben dem Platz.» Man glaubt Obex­er jedes Wort, auch weil er nach unse­rem Gespräch bereits freu­dig auf die Zeit zwi­schen dem Mann­schaft­essen und dem Nach­mit­tags­trai­ning blickt. «Wir spie­len oft Kar­ten, aktu­ell meist mit Andi Hir­zel, Ser­ge Mül­ler, Mar­co Tha­ler und Mar­cin Dicken­mann», erzählt Obex­er. Apro­pos Tha­ler: Mit ihm ver­bin­det Obex­er bereits seit sei­nem ers­ten Enga­ge­ment in Aar­au eine Freund­schaft, und bei spä­ter Rück­kehr nach Aus­wärts­spie­len oder frü­hen Mor­gen­trai­nings darf Obex­er jeweils in der Woh­nung des lang­jäh­ri­gen Innen­ver­tei­di­gers über­nach­ten.

«So etwas durf­te ich noch nie erle­ben – ein­fach über­wäl­ti­gend!»
— Linus Obex­er, über die Cho­reo­gra­phie gegen Thun

Auch pri­vat hat Obex­er sein Glück gefun­den – mit Freun­din Veera ist er seit rund drei Jah­ren zusam­men, seit Mai 2024 wohnt er mit der Geschäfts­füh­re­rin eines Restau­rants an der Aare in einer gemein­sa­men Woh­nung in der Ber­ner Innen­stadt. Zum Trai­ning nach Aar­au pen­delt er mit dem Zug und nutzt die Zeit, um sei­ne Gedan­ken zu sor­tie­ren oder ein­fach abzu­schal­ten. Im letz­ten Früh­ling hat Obex­er sei­nen Bache­lor in Wirt­schaft erfolg­reich abge­schlos­sen. Auch auf Unter­stüt­zung an den Spie­len muss Obex­er nie ver­zich­ten: Mut­ter Gabrie­la ist immer dabei, auch aus­wärts und an Test­spie­len. Vater Wer­ner und des­sen Part­ne­rin beglei­ten ihn eben­falls sehr oft zu den Spie­len und sind sicht­bar stolz auf ihn.

Linus Obex­er erhält Glück­wün­sche von sei­ner Fami­lie

Das ers­te Spiel nach sei­ner Rück­kehr zu Hau­se gegen den FC Thun war für ihn trotz der Nie­der­la­ge ein beson­de­res Erleb­nis. «Ich war enorm vor­freu­dig und moti­viert, aber auch unsi­cher nach der lan­gen, ver­let­zungs­be­ding­ten Fuss­ball­pau­se.» Als bis­he­ri­ges High­light bezeich­net er den Sieg gegen Thun vor weni­gen Wochen, mit einer beein­dru­cken­den Cho­reo­gra­fie der Fans: «So etwas durf­te ich noch nie erle­ben – ein­fach über­wäl­ti­gend!» Auch das gewon­ne­ne Cup-Spiel gegen den Super-League-Ver­­­tre­­ter FC Luzern bleibt in Erin­ne­rung. Einer­seits dank des umju­bel­ten Heim­sie­ges mit einer über­ra­gen­den Atmo­sphä­re im Brügg­li­feld, ande­rer­seits auf­grund einer Pre­mie­re der ande­ren Art: Obex­er erhielt die ers­te rote Kar­te sei­ner Kar­rie­re, was auf­grund sei­ner kämp­fe­ri­schen, scho­nungs­lo­sen Spiel­wei­se erstaunt.

Kürz­lich hat der 27-Jäh­ri­­ge sei­nen im Som­mer aus­lau­fen­den Ver­trag beim FC Aar­au um eine wei­te­re Sai­son ver­län­gert und liess sich in der Aar­gau­er Zei­tung wie folgt zitie­ren: «Solan­ge ich gesund bin und Lust auf Fuss­ball habe, bestimmt auch der FC Aar­au mein Kar­rie­re­en­de.» In Aar­au hat Linus Obex­er sei­ne sport­li­che Hei­mat gefun­den – und viel­leicht war­tet hier das Hap­py End, das noch aus­steht.

Match­zei­tung Nr. 15 (2024/25) lesen

Die­ser Arti­kel ist am 7. März 2025 in der Aus­ga­be Nr. 15 (Sai­son 2024/25) der Match­zei­tung HEIMSPIEL gegen den Neu­châ­tel Xamax FCS erschie­nen.

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