«Es ist kalt hier!», meint der Uruguayer während des kurzen Gangs von der Tribüne zur neuen smzh Adlerstube. «In Uruguay ist es im Winter nicht so kalt, dafür haben wir mehr Wind.» Geboren wurde er in einem kleinen Dorf in Uruguay, ungefähr zweieinhalb Stunden entfernt von der Hauptstadt Montevideo. «Es ist wirklich ein sehr kleiner Ort, dieses Palmitas. Nur etwa 3000 Leute leben dort. Dagegen ist Aarau schon eine Grossstadt», lacht er. «Ich bin im Jahr 2000 geboren und habe drei Geschwister. Meine Schwester ist ein Jahr jünger, dazu kommen zwei Brüder. Der ältere Bruder lebt in Toronto, während der jüngere noch bei den Eltern daheim ist.»

Thomas Chacon mit eleganter Ballkontrolle
Bereits als Junge faszinierte ihn der Fussball, und von klein auf war es das Ziel von Thomas, einmal Profi zu werden. Dies war natürlich in Palmitas nicht möglich, denn dort gab es keinen Proficlub. So spielte er schon bald beim FC Danubio.
Sein Talent blieb auch den Selektionären der Nachwuchs-Nationalmannschaften nicht verborgen, und bald war er Teil der U15-Auswahl des zweimaligen Weltmeisters. Über die U17 kam er dann in die U19, mit der er im Jahr 2019 an der Weltmeisterschaft in Polen teilnehmen durfte. «Das war ein grossartiges Erlebnis. Aber leider ging der Weg in die nächsthöheren Altersklassen dann nicht weiter», erinnert er sich, gibt sich aber auch realistisch: «Jeder Fussballer träumt davon, für sein Land aufzulaufen, doch die Challenge League steht nicht an erster Stelle bei der Rekrutierung von Nationalspielern in Uruguay.»
Der Wechsel über den Atlantik ins Tessin
Weiter ging es aber in seiner Karriere. Er wechselte in die USA nach Minnesota, einen Bundesstaat, der sportlich vor allem durch die Minnesota Vikings (American Football), die Twins (Baseball) oder die Lynx (Basketball) bekannt ist. «Beim Minnesota United FC bekam ich einen Vertrag über dreieinhalb Jahre, wechselte aber im Sommer 2020 leihweise nach Uruguay und spielte eine Saison beim Liverpool FC in der Hauptstadt Montevideo.» Weil sein Vertrag noch fast zwei Jahre weiterlief, kehrte er zu Minnesota zurück in die MLS.

Im Trikot der Granata gegen Binjamin Hasani
Durch den ehemaligen Besitzer der AC Bellinzona, Pablo Bentancur, ebenfalls ein Südamerikaner, kam im Jahr 2022 der Transfer ins Tessin zustande. «Es war schon eine neue Erfahrung im Tessin», erinnert sich Thomas, «nicht einmal der Sprache wegen, denn Italienisch ist ja nicht so weit vom Spanischen entfernt. Aber es war halt doch eine ganz andere Welt.» Er fand sich aber gut zurecht und gehörte schon bald zu den prägenden Figuren im Spiel der «Granata». Immerhin drei Jahre blieb der dem Club treu und bildete zusammen mit dem Captain Dragan Mihajlovic das kleine konstante Gerüst der Mannschaft. «Es gab dauernd Wechsel im Team. Spieler kamen und gingen, und fast halbjährlich mussten wir uns wieder neu finden. Das war nicht ganz einfach, aber ich habe immer mein Bestes gegeben.»
«Ich kannte das Stadion und einige Spieler, gegen die ich in den drei Jahren gespielt hatte. Und ich kannte das Ziel Aufstieg sowie die tolle Ambiance im Stadion. Das bekommt man als Gegner natürlich schon mit.»
Schliesslich lief sein Vertrag im Sommer 2025 aus. Bentancur verkaufte seine Anteile an der AC Bellinzona und zog sich aus dem Tessin zurück. «Dies hatte aber nichts damit zu tun, dass ich nicht dort geblieben bin», betont Chacon. «Es gab einige unverbindliche Anfragen, aber zu einem Vertragsabschluss kam es nicht. So musste ich alleine trainieren, damit ich fit bleibe, bis ein ernsthaftes Angebot eintrifft.»
Dieses kam schliesslich aus Aarau über seinen Agenten. «Ich muss zugeben, dass ich über den FC Aarau nicht viel wusste. Ich kannte das Stadion und einige Spieler, gegen die ich in den drei Jahren gespielt hatte. Und ich kannte das Ziel Aufstieg sowie die tolle Ambiance im Stadion. Das bekommt man als Gegner natürlich schon mit», erinnert er sich an seine Auftritte im Brügglifeld.
«Der Zusammenhalt macht uns stärker»
Am Anfang war es nicht leicht für den Mittelfeldspieler. Das Training ohne Verein war zwar gut dafür, dass er einigermassen fit blieb, aber nicht vergleichbar mit einem geregelten Betrieb in einer Mannschaft. Dadurch kam Thomas zuerst auch nur sporadisch zum Einsatz. Er musste sich buchstäblich in die Mannschaft hineinkämpfen, mag sich aber nicht beklagen: «Ich wurde sehr gut aufgenommen und fühlte mich von Anfang an wohl beim FC Aarau. Wenn die Leute sagen, es sei ein sehr familiärer Verein, so stimmt das auf alle Fälle. Wir arbeiten zusammen und unterstützen uns gegenseitig. Es gibt andere Teams, in denen jeder nur für sich schaut. Das ist hier nicht so, und der Zusammenhalt macht uns stärker.»

Chacon im Duell mit Lucas Pos (Yverdon)
Einen ersten nachhaltigen Eindruck seiner Klasse konnte Thomas Chacon beim Auswärtssieg gegen Stade Lausanne Ouchy abliefern, als er erstmals in der Startelf stand. Beim Testspiel gegen den FC Schaffhausen eine Woche vor Wiederaufnahme der Meisterschaft glänzte er dann mit zwei Toren und einem Assist, obwohl er im Sturm eingesetzt wurde und nicht im Mittelfeld, wo er sich am wohlsten fühlt. Er findet sich aber auf allen Positionen schnell zurecht und bringt als Einwechselspieler immer wieder neuen Schwung in die Offensive.
«Der Trainer hat einen klaren Plan und sagt mir jeweils genau, was er von mir erwartet. Und weil das Team ja gut funktioniert, brauche ich keine lange Anlaufzeit, sondern kann gleich loslegen», antwortet er auf die Frage, ob es nicht schwierig sei, nach 60 oder 70 Minuten in ein laufendes Spiel zu kommen. «Daheim kommt noch die tolle Unterstützung des Publikums hinzu, die uns nochmals etwas mehr Energie verleiht.»

Chacon mit seinen neuen Teamkollegen
Dass er auch Kurzeinsätze voll motiviert angeht und bis zum Schlusspfiff kämpft, haben alle FCA-Fans mit Genugtuung zur Kenntnis genommen. Diese Kompromisslosigkeit führte allerdings auch dazu, dass er in seinen bisherigen 14 Einsätzen im Aarauer Dress bereits vier gelbe Karten gesammelt hat und vor einer Woche in Yverdon eine Sperre verbüssen musste. Heute Abend gegen Wil kann Thomas Chacon aber wieder Vollgas geben – was er zweifellos auch tun wird.
Matchzeitung Nr. 13 (2025/26) lesen
Dieser Artikel ist am 7. Februar 2026 in der Ausgabe Nr. 13 (Saison 2025/26) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den FC Wil 1900 erschienen.
