«Im Zug habe ich viel Zeit zum Arbeiten»

Etwas mehr als ein Jahr ist Micha­el Scher­rer inzwi­schen beim FC Aar­au tätig. Im Inter­view spricht er über sei­ne Spie­ler­kar­rie­re und sei­ne Auf­ga­ben als Video­ana­lyst.

Inter­view

Das Inter­view führ­te: Dani­el Ange­li­ni

Im Inter­net fin­det man eine rela­tiv kur­ze Spiel­erlauf­bahn. Du warst beim Nach­wuchs des FC St. Gal­len, danach in der 1. Mann­schaft des FC St. Gal­len, dann bei Brühl und schliess­lich noch im Fürs­ten­tum Liech­ten­stein.

Micha­el Scher­rer: Ja, für die gros­se Kar­rie­re hat es bei mir nicht gereicht. Ich spiel­te ab der U16 beim FC St. Gal­len und mach­te gleich­zei­tig eine KV-Leh­­re an der United School of Sports. Das hat­te den Vor­teil, dass ich Leh­re und Sport gut unter einen Hut brin­gen konn­te, weil sie vier statt der übli­chen drei Jah­re dau­er­te. Anschlies­send bekam ich einen Pro­­fi-Ver­­­trag und gehör­te zum Kader der 1. Mann­schaft. Aller­dings hat­te ich nur einen ein­zi­gen Ein­satz in einem Cup­spiel (am 15. August 2015 erziel­te er unter Trai­ner Jeff Saibe­ne beim 9:0‑Sieg in Hau­sen am Albis das 3:0, Anm. d. Red.).

Wor­an lag es dann, dass du den Durch­bruch nicht geschafft hast?

Micha­el Scher­rer: Ich hat­te immer brei­te Inter­es­sen und setz­te nie alles auf den Fuss­ball. Mei­ne Fami­lie war zwar sport­in­ter­es­siert, aber eher poly­spor­tiv. Wir hat­ten als Kin­der viel Bewe­gung, unter­nah­men zum Bei­spiel Wan­de­run­gen oder gin­gen im Win­ter Ski fah­ren. Zum Fuss­ball kam ich dann durch mei­nen Bru­der, der im Ver­ein war. Bald zeig­te sich, dass ich ein gewis­ses Talent hat­te. Am Schluss hat es aber aus diver­sen Grün­den dann ein­fach nicht ganz gereicht.

Adler­blick auf dem Adler­horst

Inter­view

Das Inter­view führ­te: Dani­el Ange­li­ni

Wie war die Unter­stüt­zung durch den FC St. Gal­len?

Micha­el Scher­rer: Wäh­rend mei­ner Zeit beim FC St. Gal­len wur­de ich sehr gut unter­stützt und geför­dert. Da ich wäh­rend mei­ner Jugend­zeit in der Aka­de­mie woh­nen konn­te, waren die Wege zum Trai­ning, zur Schu­le und zur Arbeit sehr kurz. Zudem kam mir zugu­te, dass ich nie schwer ver­letzt war. Dadurch ver­lief sowohl mei­ne sport­li­che als auch mei­ne schu­li­sche Ent­wick­lung sehr posi­tiv, und ins­ge­samt fiel mir alles sehr leicht.

Du hast dich dann dem SC Brühl ange­schlos­sen. Wie ver­lief dein Leben wei­ter?

Micha­el Scher­rer: Wäh­rend mei­ner drei Jah­re beim SC Brühl St. Gal­len sowie in der Fir­ma des dama­li­gen Prä­si­den­ten sam­mel­te ich wert­vol­le Erfah­run­gen. Anschlies­send flog ich für drei Mona­te nach Aus­tra­li­en, um eine län­ge­re Rei­se zu unter­neh­men. Danach arbei­te­te ich in einer Soft­ware­ent­wick­lungs­fir­ma, wo ich mich im Bereich Wirt­schafts­in­for­ma­tik wei­ter­bil­den konn­te. Zudem war ich in einer Spor­t­­mar­ke­­ting-Agen­­tur tätig, in der ich mein Inter­es­se an IT mit mei­ner gros­sen Lei­den­schaft für den Sport ver­bin­den konn­te. Fuss­ball spiel­te ich noch in Eschen/Mauren in der 1. Liga und zum Schluss noch eine Sai­son beim FC Rug­gell, aber immer nur als Hob­by. Wich­tig war für mich, dass ich mit Kol­le­gen zusam­men war und auch abseits des Plat­zes gemein­sam eine gute Zeit hat­te. Dane­ben konn­te ich mei­nen ande­ren sport­li­chen Inter­es­sen, wie dem Tou­ren­ski­fah­ren oder Velo­fah­ren, nach­ge­hen.

«Ich kann­te Bru­nel­lo Iaco­pet­ta schon lan­ge. Er war Co-Trai­­ner bei der U18 des FC St. Gal­len gewe­sen, als ich dort spiel­te. In mei­ner Zeit bei Eschen/Mauren stand er mir zudem als Trai­ner der St. Gal­ler U21 in der 1. Liga gegen­über.»
— Micha­el Scher­rer, über sei­ne Ver­bin­dung zum FCA-Che­f­­trai­­ner

Inter­view

Das Inter­view führ­te: Dani­el Ange­li­ni

Und dann bist du Video­ana­lyst gewor­den.

Micha­el Scher­rer: Schon als Spie­ler inter­es­sier­te ich mich sehr für Video­ana­ly­se, da sie mei­ne gros­se Lei­den­schaft für den Fuss­ball – ins­be­son­de­re für tak­ti­sche Aspek­te – mit der tech­ni­schen Arbeit im Hin­ter­grund ver­bin­det. Als ich im Som­mer 2024 beim FC St. Gal­len die Mög­lich­keit erhielt, als Assis­tenz­trai­ner der U21 sowie als Video­ana­lyst im gesam­ten Nach­wuchs­be­reich tätig zu sein, woll­te ich die­se Chan­ce unbe­dingt nut­zen, um her­aus­zu­fin­den, ob die­ser Weg lang­fris­tig zu mir passt.

Dort bliebst du aber nur ein hal­bes Jahr. Dann folg­te der Wech­sel zum FC Aar­au. Wie kam der Kon­takt zustan­de?

Micha­el Scher­rer: Ich kann­te Bru­nel­lo Iaco­pet­ta schon lan­ge. Er war Co-Trai­­ner bei der U18 des FC St. Gal­len gewe­sen, als ich dort spiel­te. In mei­ner Zeit bei Eschen/Mauren stand er mir zudem als Trai­ner der St. Gal­ler U21 in der 1. Liga gegen­über. Im Herbst 2024 tra­fen wir uns im Brügg­li­feld wie­der, als der FCA gegen die U21 des FC St. Gal­len ein Test­spiel bestritt. Kurz danach kam die Anfra­ge, ob ich Inter­es­se hät­te, als Video­ana­lyst ins Brügg­li­feld zu wech­seln. Da muss­te ich nicht lan­ge über­le­gen.

Scher­rers Arbeit wäh­rend des Spiels am Bild­schirm

Inter­view

Das Inter­view führ­te: Dani­el Ange­li­ni

Was ist denn dei­ne Auf­ga­be als Video­ana­lyst?

Micha­el Scher­rer: Mei­ne Arbeit besteht aus meh­re­ren Tei­len. Ich bin ja nicht nur Video­ana­lyst, son­dern unter­stüt­ze den Staff auch bei jedem Trai­ning auf dem Platz. Dazu bin ich ver­ant­wort­lich für das gesam­te Video­ma­te­ri­al von den Spie­len und den Trai­nings.

Das tönt nach einem gros­sen Auf­wand.

Micha­el Scher­rer: Das ist es auch. Die­ser Teil ist der auf­wän­digs­te mei­ner Arbeit. Aber ich kann vie­les im Zug machen, da habe ich viel Zeit zum Arbei­ten. Ich woh­ne in Sar­gans, nur fünf Minu­ten Fuss­weg vom Bahn­hof ent­fernt. So habe ich zwei Mal ein­ein­halb Stun­den Zeit, um die Spie­le und Trai­nings zu ana­ly­sie­ren und zu bear­bei­ten.

Wie läuft die Ana­ly­se nach einem Spiel genau ab?

Micha­el Scher­rer: Nach jedem Spiel tau­sche ich mich kurz mit Bruni aus. Wir bespre­chen das Spiel und tei­len unse­re ers­ten Ein­drü­cke. An-schlies­­send mache ich mich an die Ana­ly­se und berei­te die wich­tigs­ten Sze­nen auf. Die­se bespre­chen wir danach im Detail im Trai­ner­team und prä­sen­tie­ren die zen­tra­len Punk­te der Mann­schaft. Neben der Mann­schafts­ana­ly­se füh­ren wir auch vie­le Indi­vi­du­al­ana­ly­sen durch. Dafür stel­le ich für die ein­zel­nen Spie­ler Vide­os mit Sze­nen von ihnen zusam­men, die wir anschlies­send gemein­sam mit den jewei­li­gen Spie­lern anschau­en und bespre­chen. So kön­nen wir sehr gezielt auf sie ein­ge­hen.

«Sobald die defi­ni­ti­ve Start­for­ma­ti­on bekannt ist, zei­ge ich eini­gen Spie­lern noch­mals kurz ein­zel­ne Sze­nen ihres direk­ten Gegen­spie­lers, damit sie noch­mals ein Bild davon haben, wo des­sen Stär­ken und viel­leicht auch Schwä­chen lie­gen.»
— Micha­el Scher­rer, über sei­ne Rol­le vor Spiel­be­ginn

Inter­view

Das Inter­view führ­te: Dani­el Ange­li­ni

Dann geht die Nach­be­rei­tung eines Spiels fast naht­los in die Vor­be­rei­tung auf die nächs­te Par­tie über? Oder wie Sepp Her­ber­ger sag­te: «Nach dem Spiel ist vor dem Spiel.»

Micha­el Scher­rer: Ja, das ist defi­ni­tiv so. Im Trai­ner­team bespre­chen wir bereits zu Beginn der Woche den nächs­ten Geg­ner und schau­en uns die wich­tigs­ten Sze­nen an. Zwei Tage vor dem Spiel beschäf­ti­gen wir uns dann mit der Stan­dard­ana­ly­se, und einen Tag vor dem Spiel stel­len wir der Mann­schaft den nächs­ten Geg­ner sowie unse­ren Plan im Detail vor.

Und wie läuft es bezüg­lich Vide­os direkt vor einem Spiel ab?

Micha­el Scher­rer: Sobald die defi­ni­ti­ve Start­for­ma­ti­on bekannt ist, also gut 75 Minu­ten vor Anpfiff, zei­ge ich eini­gen Spie­lern noch­mals kurz ein­zel­ne Sze­nen ihres direk­ten Gegen­spie­lers, damit sie noch­mals ein Bild davon haben, wo des­sen Stär­ken und viel­leicht auch Schwä­chen lie­gen.

Das Spiel sel­ber ver­folgst du aber nicht auf der Trai­ner­bank?

Micha­el Scher­rer: Nein. Bei Heim­spie­len habe ich mei­nen fixen Platz ganz oben, wo auch die Spea­k­er­ka­bi­ne ist. Bei Aus­wärts­spie­len bin ich meis­tens auf den Pres­se­plät­zen. Dabei bin ich mit Assis­tenz­trai­ner Beni Lötscher ver­bun­den und kann ihm jeder­zeit mit­tei­len, wenn mir etwas auf­fällt.

Immer ver­bun­den mit dem Trai­ner­stab

Inter­view

Das Inter­view führ­te: Dani­el Ange­li­ni

Was kann das sein?

Micha­el Scher­rer: Zum Bei­spiel, wenn der Geg­ner anders als erwar­tet spielt, ent­we­der vom Sys­tem her oder die Spie­ler ande­re Posi­tio­nen ein­neh­men.

Wie läuft denn so eine Pau­sen­an­spra­che ab? Ist es tat­säch­lich immer noch so, dass der Trai­ner her­um­schreit, wenn es in der ers­ten Halb­zeit nicht gut gelau­fen ist? Frü­her war dann jeweils von einer Stand­pau­ke oder ­Gar­di­nen­pre­digt die Rede.

Micha­el Scher­rer: Nein, über­haupt nicht. Zunächst müs­sen die Spie­ler ein­mal ruhig wer­den, sonst sind sie gar nicht auf­nah­me­fä­hig. Wäh­rend sie in die Kabi­ne gehen, bespre­chen wir uns im Trai­ner­team kurz und Bruni notiert sich die wich­tigs­ten Pun­ke, wel­che er der Mann­schaft mit­ge­ben möch­te. Erst dann gehen wir zur Mann­schaft und der Chef­trai­ner gibt den Spie­lern die wich­tigs­ten Inputs mit auf den Weg. Manch­mal zei­gen wir zudem der gan­zen Mann­schaft oder ein­zel­nen Spie­lern kurz 1–2 Video­bil­der, um auf gewis­se Punk­te auf­merk­sam zu machen.

Match­zei­tung Nr. 16 (2025/26) lesen

Die­ser Arti­kel ist am 21. März 2026 in der Aus­ga­be Nr. 16 (Sai­son 2025/26) der Match­zei­tung HEIMSPIEL gegen den Neu­châ­tel Xamax FCS erschie­nen.

FCA News

Die Adler-Tro­phäe geht an Eli­as Filet
14.05.26
Die Adler-Tro­phäe geht an Eli­as Filet
«Eine neue Per­spek­ti­ve des Fuss­balls»
06.05.26
«Eine neue Per­spek­ti­ve des Fuss­balls»
«Wir woll­ten nur noch fei­ern»
20.04.26
«Wir woll­ten nur noch fei­ern»
«Jeder kann sich auf den ande­ren ver­las­sen»
05.04.26
«Jeder kann sich auf den ande­ren ver­las­sen»
Das Ver­trau­en mit Toren zurück­zah­len
11.03.26
Das Ver­trau­en mit Toren zurück­zah­len
«Ich will parat sein, wenn es mich braucht»
25.02.26
«Ich will parat sein, wenn es mich braucht»