«Wir wollten nur noch feiern»

Als Innen­ver­tei­di­ger zähl­te Juan Pablo Garat zu den Team­stüt­zen beim letz­ten Auf­stieg im Jahr 2013. Inzwi­schen ist der 43-jäh­ri­­ge Argen­ti­ni­er seit sechs Jah­ren als Aus­bild­ner im Aar­au­er Nach­wuchs tätig.

«Das ist sehr lan­ge her, seit ich letzt­mals ein Inter­view gege­ben habe», sagt Juan Pablo Garat zu Beginn unse­res Gesprächs in der Aar­au­er Alt­stadt lächelnd. In der Tat ist es ruhig gewor­den um den frü­he­ren Innen­ver­tei­di­ger, nach­dem er sich im Jahr 2018 im Alter von 35 Jah­ren von der «gros­sen Büh­ne» ver­ab­schie­det hat. Nach sie­ben Sai­sons beim FC Aar­au, für den er 188 Pflicht­spie­le bestritt, liess der Argen­ti­ni­er sei­ne Aktiv­kar­rie­re in der 1. Liga beim FC Baden aus­klin­gen. Da die Rück­run­de der Sai­son 2019/20 im Ama­teur­fuss­ball wegen der COVID-19-Pan­­de­­mie nicht aus­ge­tra­gen wer­den konn­te, war Garats letz­te Par­tie ein 2:2 im Kan­tons­der­by gegen den FC Woh­len im Novem­ber 2019.

Mit dem FC Aar­au ist er jedoch stets in Kon­takt geblie­ben. Im Som­mer 2020 über­nahm Garat die U15. Seit die­ser Sai­son trai­niert er nun die U17-Man­n­­schaft. In der Ära von Ste­phan Kel­ler war er auch zwi­schen­zeit­lich als Defen­siv­trai­ner der 1. Mann­schaft enga­giert gewe­sen.

Schwie­ri­ge Anfangs­zeit fern­ab der Hei­mat

Auf­ge­wach­sen ist Pablo in der argen­ti­ni­schen Haupt­stadt Bue­nos Aires. «Mein Vater, der als Inge­nieur arbei­te­te, war nicht begeis­tert, dass ich unbe­dingt Fuss­ball­pro­fi wer­den woll­te», erin­nert er sich. Als der ehe­ma­li­ge Juni­or von River Pla­te im Jahr 2005 die Mög­lich­keit hat­te, beim FC St. Gal­len ein Pro­be­trai­ning zu absol­vie­ren, reis­te er mit drei Taschen und dem fes­ten Wil­len nach Euro­pa, die­se Chan­ce zu nut­zen. «Bei der Ankunft erklär­te mir der dama­li­ge Trai­ner Ralf Loo­se, dass er mich am glei­chen Tag im Test­spiel gegen den FC Win­ter­thur ein­set­zen wol­le.» Garat liess sich von der 18-stün­­di­­gen Rei­se nichts anmer­ken und über­zeug­te die Ver­ant­wort­li­chen der Ost­schwei­zer um Sport­chef René Wei­ler.

Immer vol­ler Ein­satz — wie im Heim­spiel gegen den FC Basel

Die Anfangs­zeit in der Schweiz war sehr schwie­rig für Pablo. «Ich ver­stand die Spra­che nicht, war nicht geübt, einen Haus­halt zu füh­ren und muss­te mich erst an das Leben hier gewöh­nen. Immer­hin kam mei­ne Mut­ter zunächst jeweils für ein paar Wochen vor­bei, um mich zu unter­stüt­zen. Aber es war hart und es gab vie­le Trä­nen.»

Nach vier Jah­ren beim FCSG, einer tem­po­rä­ren Rück­kehr in die argen­ti­ni­sche Hei­mat und einem kur­zen Inter­mez­zo beim FC Dina­mo in Rumä­ni­en brauch­te es im Som­mer 2011 kei­ne gros­se Über­re­dungs­kunst von Wei­ler – inzwi­schen Trai­ner des FC Aar­au – und Garats Bera­ter Fre­dy Stras­ser, den er eben­falls aus gemein­sa­mer Zeit in St. Gal­len kann­te, um einem Wech­sel aufs Brügg­li­feld zuzu­stim­men.

«Wir sind so dank­bar, hier leben zu dür­fen. Die Schweiz ist das bes­te Land, das wir uns vor­stel­len kön­nen. Wir berei­sen zahl­rei­che Orte. Es gibt hier so viel zum Ent­de­cken.»
— Juan Pablo Garat, über die Schweiz

In einem Hei­mat­ur­laub lern­te er sei­ne jet­zi­ge Frau Belén ken­nen, die ihm schliess­lich in den Aar­gau folg­te. «Wäh­rend einem Jahr habe ich alles vor­be­rei­tet, damit Belén mit ihrer Toch­ter Pilar zu mir kom­men konn­te», erin­nert sich der inzwi­schen 43-Jäh­ri­­ge. Sei­ne Frau war in Argen­ti­ni­en als diplo­mier­te Fach­frau Ope­ra­ti­ons­tech­nik tätig und war nach ihrer Ankunft in der Schweiz auf Job­su­che. «Wal­ter Mar­ti, dama­li­ger Arzt im Kan­tons­spi­tal Aar­au und FCA-Fan, bekam dies mit und schick­te mir einen Brief ins Brügg­li­feld mit sei­ner Visi­ten­kar­te», erzählt Garat. Kurz dar­auf konn­te Belén im KSA eine Stel­le antre­ten und ist noch immer im Spi­tal in unmit­tel­ba­rer Nähe zum Aar­au­er Sta­di­on tätig.

«Wir sind so dank­bar, hier leben zu dür­fen. Die Schweiz ist das bes­te Land, das wir uns vor­stel­len kön­nen. Wir berei­sen zahl­rei­che Orte. Es gibt hier so viel zum Ent­de­cken. Ein­mal im Jahr besu­chen wir auch unse­re Liebs­ten in Argen­ti­ni­en.» Das Glück der Fami­lie Garat voll­stän­dig mach­te vor drei Jah­ren Del­fi­na, die gemein­sa­me Toch­ter von Belén und Pablo. «Ich gehe viel mit der Klei­nen ­spa­zie­ren. Ohne­hin wid­me ich fast die gan­ze Frei­zeit unse­rer Fami­lie, die mir alles bedeu­tet.»

Auf­stieg im zwei­ten Anlauf

Die ers­ten drei Jah­re, die Garat beim FC Aar­au bestritt, waren für ihn und den Ver­ein von viel Erfolg gekrönt. In der ers­ten Sai­son qua­li­fi­zier­te sich das Team von René Wei­ler für die Bar­ra­ge, in wel­cher der FC Sion jedoch zu stark war. Im Fol­ge­jahr lies­sen sich die Aar­au­er aber nicht mehr auf­hal­ten und rea­li­sier­ten den Wie­der­auf­stieg in die Super League. «Wir hat­ten eine sehr gute Mann­schaft bei­sam­men, mit über­ra­gen­den Indi­vi­dua­lis­ten wie Davi­de Cal­là, Artur Ioni­ta oder Sil­van Wid­mer», erin­nert sich der ehe­ma­li­ge Abwehr­spie­ler. «Die Trai­nings waren sehr inten­siv, manch­mal auch gif­tig. Ich ver­tre­te immer die Mei­nung: So wie man trai­niert, so spielt man auch. Anfäng­lich waren wir nicht bes­te Kol­le­gen. Aber ich habe vom ers­ten Tag an immer alles für mei­ne Mit­spie­ler gege­ben.»

Juan Pablo Garat (rechts) fei­ert den Auf­stieg mit sei­nem Lands­mann Dan­te Adri­an Sen­ger.

Noch sehr prä­sent sind bei Garat die Sze­nen, die sich am 25. Mai 2013 abspiel­ten. «Als nach unse­rem sieg­rei­chen Heim­spiel gegen Chi­as­so die Infor­ma­ti­on durch­drang, dass der Auf­stieg dank Schüt­zen­hil­fe des FC Woh­len bereits zwei Run­den vor Schluss fest­steht, explo­dier­ten die Emo­tio­nen. Erst im Sta­di­on, dann in der Stadt: Wir woll­ten nur noch fei­ern. So viel hat­ten wir für die­sen Erfolg inves­tiert. Es war wun­der­schön, alle Leu­te im Ver­ein, die Fans und unse­re Fami­li­en damit glück­lich zu machen.» Wenn er sei­nen dama­li­gen Cap­tain und heu­ti­gen FCA-Geschäfts­­­füh­­rer San­dro Bur­ki tref­fe, rei­che jeweils ein Wort in Zusam­men­hang mit den Auf­stiegs­fei­er­lich­kei­ten, um ihnen bei­den ein brei­tes Lachen auf das Gesicht zu zau­bern.

«Ich gehe jeden Tag mit gros­ser Freu­de auf den Platz. Sobald der Ball rollt, bin ich ein stren­ger Trai­ner. Ich for­de­re, dass die Spie­ler mit dem Kopf und mit Über­zeu­gung bei der Sache sind. Ich will ihnen die Men­ta­li­tät vor­le­ben, die es braucht, um erfolg­reich zu sein.»
— Juan Pablo Garat, über sei­ne Rol­le als Trai­ner

Einen klei­nen Ein­trag in den Geschichts­bü­chern hat sich Garat mit dem ers­ten Aar­au­er Tor nach dem Auf­stieg gesi­chert, auch wenn es nur der Ehren­tref­fer bei der 1:3‑Auftaktniederlage im Bas­ler St. Jakob-Park war. Ohne­hin ist sei­ne Tor­aus­beu­te beacht­lich. 15 Mal traf der Argen­ti­ni­er ins geg­ne­ri­sche Netz. In den letz­ten 50 Jah­ren erziel­te nur ein Aar­au­er Innen­ver­tei­di­ger mehr Tore: Mir­ko Pav­li­ce­vic (20).

Seit sechs Jah­ren ist Garat nun als Nach­wuchs­trai­ner dar­um bemüht, künf­ti­ge Aar­au­er Hel­den aus­zu­bil­den. Mit Dori­an Der­ba­ci, Ryan Kess­ler, Ber­dan Seny­urt oder Tobi­as Oka­for (FC Win­ter­thur) haben schon eini­ge sei­ner frü­he­ren Schütz­lin­ge den Sprung in den Pro­fi­fuss­ball geschafft. «Ich gehe jeden Tag mit gros­ser Freu­de auf den Platz. Sobald der Ball rollt, bin ich ein stren­ger Trai­ner. Feh­ler gehö­ren bei den jun­gen Spie­lern dazu. Aber ich for­de­re, dass sie mit dem Kopf und mit Über­zeu­gung bei der Sache sind. Ich will ihnen die Men­ta­li­tät vor­le­ben, die es braucht, um erfolg­reich zu sein.»

«Der bes­te Ver­ein, um eure Kar­rie­re zu lan­cie­ren»

In engem Aus­tausch steht der Aus­bild­ner ins­be­son­de­re mit dem Tech­ni­schen Lei­ter Nach­wuchs Fré­dé­ric Page und Talent­ma­na­ger Ran­ko Jako­vlje­vic, der ihn bei sei­ner letz­ten Sta­ti­on als Spie­ler beim FC Baden trai­niert hat­te. Mit ihnen bei­den lei­tet er am Diens­­tag- und Don­ners­tag­mor­gen jeweils indi­vi­du­el­le Trai­nings mit Spie­lern aus den drei höchs­ten Nach­wuchs­aus­wah­len.

Tor­ju­bel im Brügg­li­feld mit Artur Ioni­ta und Pas­cal Schürpf

«Ich sage mei­nen Jungs immer wie­der: Der FC Aar­au ist der bes­te Ver­ein, um eure Kar­rie­re zu lan­cie­ren. Hier könnt ihr euch in fami­liä­rer Ambi­ance Schritt für Schritt ent­wi­ckeln.» Auch Garat hat hier die Mög­lich­keit, täg­lich dazu­zu­ler­nen. «Viel­leicht wer­de ich als Trai­ner bes­ser sein, als ich es als Spie­ler war.»

Das Mit­glied des Auf­stiegs­teams von 2013 ist sehr opti­mis­tisch, dass die 1. Mann­schaft die­ses Jahr die Men­schen in und um Aar­au erneut mit einer Pro­mo­ti­on glück­lich machen wird. «Die Spiel­wie­se von heu­te erin­nert mich an den Fuss­ball, den wir damals prak­ti­ziert haben.» Eine all­fäl­li­ge Fei­er in der Stadt wür­de sich Juan Pablo Garat wohl auch dies­mal nicht ent­ge­hen las­sen.

Match­zei­tung Nr. 18 (2025/26) lesen

Die­ser Arti­kel ist am 22. April 2026 in der Aus­ga­be Nr. 18 (Sai­son 2025/26) der Match­zei­tung HEIMSPIEL gegen FC Sta­de Lau­sanne Ouchy erschie­nen.

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