«Eine neue Perspektive des Fussballs»

Er hat den längs­ten Namen im Kader und ist mit sei­nen 1,94 m Grös­se nicht zu über­se­hen – auch das Gespräch im Brügg­li­feld war sehr lang, denn Vic­tor Petit-Vire­t­­ti hat­te viel Inter­es­san­tes über sich zu erzäh­len.

Der 25-jäh­ri­­ge Fran­zo­se begann bereits im Alter von drei Jah­ren mit Fuss­ball­spie­len. Er trat dem FC Nivo­let bei, der nur zehn Minu­ten von sei­nem Zuhau­se ent­fernt war. «Ich fand dort gleich vie­le Kum­pel, mit denen ich mich bes­tens ver­stand», erin­nert er sich, «aber ganz spe­zi­ell für mich war, dass wir von einem Mäd­chen gecoacht wur­den. Wir spiel­ten vie­le Tur­nie­re, was in Frank­reich üblich ist. Dort tra­fen wir auch auf bekann­te Mann­schaf­ten wie Saint-Eti­en­­ne, Lyon, Ren­nes oder Mar­seil­le.» Es war der ers­te Schritt zur Pro­­fi-Kar­rie­­re. Dabei hät­te es auch ganz anders kom­men kön­nen, denn Vic­tor war ein begab­ter Judo­ka und beschreibt es so: «Ein kämp­fe­ri­scher Sport passt gut zu mir. Ich war immer gross für mein Alter und konn­te dies im Judo umset­zen. Aber schliess­lich ent­schied ich mich dann doch für den Fuss­ball.»

«Da erziel­te ich auch vie­le Tore, was ich heu­te, wo ich meis­tens als Ver­tei­di­ger ein­ge­setzt wer­de, nicht mehr kann. Ich habe einen prä­zi­sen und kräf­ti­gen Schuss und durf­te die meis­ten Frei­stös­se tre­ten.»
— Vic­tor Petit-Vire­t­­ti, über sei­ne Junio­ren­zeit

Mit 13 Jah­ren wech­sel­te Vic­tor ins Cent­re de for­ma­ti­on der AS Saint-Eti­en­­ne. Das war ein gros­ser Ein­schnitt in sei­nem Leben. «Für mich war es nicht so schwie­rig wie für mei­ne Eltern. Vor allem Maman litt am Anfang sehr dar­un­ter, dass ich nicht mehr daheim war.» In die­sem Nach­wuchs­zen­trum fand sein gan­zes Leben statt: Schla­fen, Schu­le, Trai­ning. Er durch­lief sämt­li­che Sta­tio­nen, bis er 20 Jah­re alt war und in die Reser­ve­mann­schaft (ent­spricht bei uns der U21, Anm. d. Red.) auf­ge­nom­men wur­de. Vier Jah­re war er Cap­tain sei­nes jewei­li­gen Teams und hat­te sei­nen Platz im Mit­tel­feld auf sicher. «Da erziel­te ich auch vie­le Tore, was ich heu­te, wo ich meis­tens als Ver­tei­di­ger ein­ge­setzt wer­de, nicht mehr kann. Ich habe einen prä­zi­sen und kräf­ti­gen Schuss und durf­te die meis­ten Frei­stös­se tre­ten», blickt er auf sei­ne Junio­ren­zeit zurück.

Salut, Vic­tor!

Logi­scher­wei­se folg­te dann der ers­te Pro­fi­ver­trag in Saint-Eti­en­­ne. Sein Debüt gab er in einem Cup­spiel gegen Stras­bourg und gehör­te sogar in der Euro­pa League gegen den VfL Wolfs­burg zum Kader. Sein Weg führ­te ihn dann wei­ter zum Sta­de Renn­ais FC. «Das war ein schwie­ri­ges Jahr, weil es aus diver­sen Grün­den nicht so gut gelau­fen ist. Aber es war trotz­dem eine sehr wert­vol­le Erfah­rung», fasst er die Sai­son 2022/23 zusam­men.

Der Schritt in die Schweiz

Ver­ständ­li­cher­wei­se gehört die Schweiz nicht zu den ers­ten Zie­len für einen fran­zö­si­schen Pro­­fi-Fus­s­­bal­­ler. Trotz­dem ver­schlug es Vic­tor nach sei­nem Jahr in Ren­nes zum nächs­ten Club mit einem «Sta­de» im Namen, näm­lich zum FC Sta­de Nyon­nais. Sein Agent erzähl­te ihm von einem viel­ver­spre­chen­den Pro­jekt bei einem auf­stre­ben­den Ver­ein in der fran­zö­sisch­spra­chi­gen Schweiz. So begab er sich mit eher gemisch­ten Gefüh­len an den Lac Léman zu den Pro­be­trai­nings. Trai­ner Chris­to­phe Caschi­li stell­te für den Auf­stei­ger in die Chall­enge League eine schlag­kräf­ti­ge Mann­schaft zusam­men.

«Mit dem Coach habe ich mich auf Anhieb gut ver­stan­den. Es gab schnell eine per­sön­li­che Ver­bin­dung, und ich war über­rascht, wie gut alles lief. Wir hat­ten Test­spie­le unter ande­rem gegen Ever­ton und Ser­vet­te, und auch in der Meis­ter­schaft konn­ten wir aus­ge­zeich­net mit­hal­ten. Nach der Vor­run­de lagen wir sogar vor dem FC Aar­au, den wir ins­ge­samt drei Mal besie­gen konn­ten.» Ins­be­son­de­re an das ers­te Heim­spiel gegen sei­nen aktu­el­len Club im Novem­ber 2023 denkt er ger­ne zurück. Er erziel­te nicht nur das 2:0 mit einem sehens­wer­ten Weit­schuss, son­dern lie­fer­te auch den Assist zum 3:0. Tor­schüt­ze war Chris­ti­an Gomis, der soeben mit dem FC Schal­ke 04, dem Part­ner­ver­ein des FC Aar­au, end­lich wie­der in die 1. Bun­des­li­ga auf­ge­stie­gen ist. Dass er prä­zi­se Päs­se spie­len kann, bewies Vic­tor erst kürz­lich, als er Eli­as Filet die Vor­la­ge zum 4:3 bei Rap­­per­s­­wil-Jona lie­fer­te.

«Es war haupt­säch­lich das Ver­dienst von Adri­an Ursea, dass Etoi­le Carouge sol­che Leis­tun­gen brach­te. Er hat eine sehr gros­se Erfah­rung, und es gibt weni­ge ver­gleich­ba­re Coa­ches. Die Arbeit mit Adri­an Ursea war ein rei­nes Ver­gnü­gen.»
— Vic­tor Petit-Vire­t­­ti, über sei­ne Zeit bei Etoi­le Carouge

Die zwei­te Sai­son in Nyon ver­lief dann etwas har­zi­ger. In der Win­ter­pau­se wur­de Chris­to­phe Caschi­li ent­las­sen, und zu sei­nem Nach­fol­ger Andrea Binot­to fand Vic­tor Petit-Vire­t­­ti den Draht weit weni­ger gut. Qua­si von einem Tag auf den ande­ren wur­de er vom Stamm- zum Ersatz­spie­ler, womit er Mühe bekun­de­te. So war er offen für eine Luft­ver­än­de­rung, als ein Anruf von Adri­an Ursea kam. Die­ser war mit Etoi­le Carouge in die Chall­enge League auf­ge­stie­gen und hat­te die «Stel­li­ens» gleich in der Spit­zen­grup­pe eta­bliert. «Mein Ver­trag mit Nyon lief zwar noch ein hal­bes Jahr, aber nach die­sem Gespräch war für mich klar, dass ich nach Carouge wech­seln woll­te.»

Petit-Vire­t­­ti im Nyon-Tri­­kot gegen Dori­an Der­ba­ci

So lief er in der Rück­run­de 2025 erneut für einen Liga­neu­ling auf und erleb­te den Zwei­kampf mit dem FCA um den Bar­ra­ge­platz haut­nah. «Es war haupt­säch­lich das Ver­dienst von Adri­an Ursea, dass Etoi­le Carouge sol­che Leis­tun­gen brach­te. Er hat eine sehr gros­se Erfah­rung, und es gibt weni­ge ver­gleich­ba­re Coa­ches. Die Arbeit mit Adri­an Ursea war ein rei­nes Ver­gnü­gen. Wir haben immer noch Kon­takt, und als ich mir gegen Ende der Vor­run­de den Mit­tel­fuss gebro­chen habe, hat er mir geschrie­ben und schnel­le Bes­se­rung gewünscht.» Ein Satz von Ursea zeigt die Wert­schät­zung, die er Vic­tor Petit-Vire­t­­ti ent­ge­gen­brach­te: «Wenn ich Vic­tor spie­len sehe, so erken­ne ich mich sel­ber als Aktiv­spie­ler in ihm wie­der.»

Die tol­le Stim­mung im Brügg­li­feld

Lei­der war die Zusam­men­ar­beit nur von kur­zer Dau­er. Ursea wech­sel­te zum Abstei­ger Yver­don und hät­te Vic­tor ger­ne mit­ge­nom­men. Aber es gab im Kader der Waadt­län­der zu vie­le Spie­ler auf sei­nen Posi­tio­nen. So öff­ne­te sich die Türe zum FC Aar­au, der für die Defen­si­ve noch nach einem guten Links­füs­ser such­te. «Das Gespräch mit Els­ad Zver­o­tic und Bru­nel­lo Iaco­pet­ta war sehr gut, und ich ent­schied mich, mei­ne Kar­rie­re im Brügg­li­feld fort­zu­set­zen», erzählt Vic­tor. «Hier erle­be ich noch­mals eine neue Per­spek­ti­ve des Fuss­balls. Alles ist klar gere­gelt, die Men­ta­li­tät stimmt, und ich habe mich schnell ein­ge­lebt, obwohl ich kein Deutsch kann.»

Er ist begeis­tert von der Stim­mung, die rund um den FCA und vor allem bei Heim­spie­len im Brügg­li­feld herrscht. «Das war schon toll, als ich als Geg­ner nach Aar­au kam. So vie­le Zuschau­er hat­ten wir weder in Nyon noch in Carouge. Da brauch­te der Trai­ner uns nicht extra zu moti­vie­ren. Ein Spiel in Aar­au war für jeden Spie­ler ein Grund, das Letz­te aus sich her­aus­zu­ho­len.»

«Wir haben sehr gute Spie­ler und ein gross­ar­ti­ges Kol­lek­tiv. Und soll­te es trotz allem Ein­satz nicht zum direk­ten Auf­stieg rei­chen, haben wir in der Bar­ra­ge eine gute Chan­ce. Aber noch haben wir die Chan­ce auf den ers­ten Platz und kön­nen den Auf­stieg ohne den Umweg rea­li­sie­ren.»
— Vic­tor Petit-Vire­t­­ti, über den Auf­stiegs­kampf

Alles aus sich her­aus­ho­len sei auch das Mot­to im Sai­son­end­spurt. Nur wenn jeder hun­dert­pro­zen­ti­gen Ein­satz zei­ge und an sei­ne Gren­zen gehe, sei der Auf­stieg zu errei­chen. Dabei spie­le es kei­ne Rol­le, ob man auf dem Platz ste­he oder erst spä­ter ins Spiel kom­me. «Mit der Zeit habe ich gelernt, dass ich für die Mann­schaft genau­so wich­tig bin, wenn ich ein­ge­wech­selt wer­de. Als ich noch jün­ger war, habe ich mehr dar­un­ter gelit­ten, nicht in der Start­elf zu ste­hen. Heu­te kann ich viel bes­ser damit umge­hen und gebe auch bei einem kur­zen Ein­satz immer mein Bes­tes», spricht er sei­ne grös­se­re Rei­fe an. «Wir haben sehr gute Spie­ler und ein gross­ar­ti­ges Kol­lek­tiv. Und soll­te es trotz allem Ein­satz nicht zum direk­ten Auf­stieg rei­chen, haben wir in der Bar­ra­ge eine gute Chan­ce. Der FC Aar­au kennt nun die Beson­der­hei­ten die­ser Ent­schei­dungs­spie­le und kann sich bes­ser auf den Super­li­gis­ten ein­stel­len. Aber noch haben wir die Chan­ce auf den ers­ten Platz und kön­nen den Auf­stieg ohne den Umweg rea­li­sie­ren.»

Jubel mit Lands­mann Eli­as Filet nach dem Sieg in Rap­­per­s­­wil-Jona

Ganz zum Schluss des Gesprächs, bevor die Mann­schafts­sit­zung ansteht, ver­rät er noch, wes­halb seit Beginn des Jah­res auf sei­nem Tri­kot nicht nur PETIT steht, son­dern PETIT-VIRETTI: «Mei­ne Gross­el­tern heis­sen so, und sie sind stolz, den Namen auf mei­nem Leib­chen zu lesen.» Dann ist die Zeit abge­lau­fen, und Vic­tor eilt davon, damit er nicht zu spät zur Sit­zung kommt. Eigent­lich scha­de, das Gespräch hät­te durch­aus noch etwas län­ger dau­ern kön­nen!

Match­zei­tung Nr. 19 (2025/26) lesen

Die­ser Arti­kel ist am 8. Mai 2026 in der Aus­ga­be Nr. 19 (Sai­son 2025/26) der Match­zei­tung HEIMSPIEL gegen den FC Sta­de Nyon­nais erschie­nen.

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