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Der 21-jährige Brasilianer Carlinhos blüht in seiner neuen Heimat immer mehr auf. Erst im Sommer 2015 war er als grosser Unbekannter aufs Brügglifeld gewechselt.

Als einziger Spieler beim FC Aarau kann Carlinhos von sich behaupten, eine Hauptrolle in einem Dokumentarfilm gespielt zu haben. Im Hinblick auf die vergangene Weltmeisterschaft in Brasilien (2014) wurden fünf junge Talente des Gastgeberlandes vom deutschen Regisseur Jens Hoffmann begleitet. Dazu zählte auch Carlos Vinicius Santos de Jesus, kurz Carlinhos, dessen Entwicklung im Zeitraum von zwei Jahren mit der Kamera festgehalten wurde.

Zu Beginn des rund 90-minütigen Films findet sich Carlinhos an einem grossen Verhandlungstisch wieder, umgeben von gierigen Beratern und Agenturbossen, die das Schicksal des eben erst volljährig gewordenen Fussballers in einem scharfen Ton bestimmen. Ein Wechsel zum Bundesligisten Bayer 04 Leverkusen steht kurz vor dem Abschluss – und somit auch der Ausweg aus den berüchtigten Favelas von São Paulo, wo Carlinhos den grössten Teil seiner Kindheit verbracht hat und bei Desportivo Brasil seine Liebe zum Fussball auslebt.

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Carlos Vinicius Santos de Jesus hat das Fussballspielen im Blut.

Die grosse Einsamkeit in Deutschland

Carlinhos ist mit seinem Transfer zur Werkself in guter Gesellschaft – in Leverkusen reiften um die Jahrtausendwende mehrere Talente vom Zuckerhut wie Lucio, Paulo Sérgio und Zé Roberto zu arrivierten Spielern. In deren Fussstapfen möchte auch Carlinhos treten, als er sich im Sommer 2012 tränenreich verabschiedet – von seiner Familie, von seinen Freunden und von seinem Zuhause, welches er sich mit Eltern und zwei Geschwistern teilt.

Szenenwechsel, wenige Monate später. Aus dem Traum eines besseren Lebens ist innert wenigen Wochen ein Albtraum geworden. Unruhig sitzt Carlinhos in seinem abgedunkelten, karg eingerichteten Wohnzimmer in Leverkusen. «Ich habe hier nichts zu melden. Sie mögen mich nicht», sagt er traurig – seine Einsamkeit wirkt geradezu greifbar. In der Bundesliga bleibt er ohne eine einzige Spielminute, nur selten steht er überhaupt im Aufgebot. Noch stärker zu schaffen machen ihm zwei Todesfälle in der Heimat. Ein Freund stirbt an einer Überdosis Drogen, ein zweiter kommt bei einem Autounfall mit einem gestohlenen Wagen ums Leben. Die Reaktion seiner Eltern wirkt befremdend, als sie während eines Telefonats mit Vehemenz auf ihn einreden, nicht aufzugeben. Die Familie ist aufgrund des Einkommens von Carlinhos inzwischen aus der engen, schimmligen Wohnung in den Favelas in eine grosszügige Unterkunft umgezogen.

Es wird mehr als deutlich, dass Carlinhos der Heilsbringer der Familie sein soll und entsprechend unter Druck steht. Er wirkt apathisch, spricht nur wenige Worte und will eigentlich nur eines – zurück nach Brasilien. Diesen Plan setzt er noch vor dem Ende der Saison um, als er sein Engagement beim Zweitligisten SSV Jahn Regensburg – wohin er in der Winterpause ausgeliehen worden ist – überstürzt abbricht. «Ich habe es nicht mehr ausgehalten», kommentiert er seine Abreise. «Nun beginnt alles wieder bei Null», lautet das Schlusswort von Carlinhos Mutter im Dokumentarfilm «Mata Mata».

Mata Mata

Der Titel des Films lässt sich mit «entscheidendes Spiel» übersetzen und soll aufzeigen, dass die jungen Fussballer aus dem Ausland nur eine einzige Chance haben, um sich zu beweisen, und diese zwingend nutzen müssen. Von den fünf im Film begleiteten Fussballern kennt man in Europa heute jedoch nur einen. Es ist Dante, aktuell beim VfL Wolfsburg unter Vertrag, der viele Jahre bei Bayern München spielte und auch zur brasilianischen Nationalmannschaft zählt. Er soll in der Dokumentation als Musterbeispiel und Vorbild dienen. Er kämpfte sich von ganz unten nach ganz oben – der Weg, den auch die anderen Fussballer aus Brasilien nur allzu gerne gehen würden. Einmal ist Carlinhos bereits frustriert heimgekehrt, trotzdem wagt er nun einen neuerlichen Anlauf in Europa – auch wenn Aarau und Leverkusen natürlich nicht zu vergleichen sind.

«Mein Traum war immer, nach Europa zuruckkommen und im Vergleich zu meinem Engagement in Deutschland gibt es jetzt auch einige Unterschiede.»

Carlos Vinicius Santos de Jesus

Was gibt ihm den Mut, nach diesen negativen Erfahrungen erneut den Schritt ins Ausland zu wagen? «Mein Traum war immer, nach Europa zurückkommen», sagt Carlinhos, «und im Vergleich zu meinem Engagement in Deutschland gibt es jetzt auch einige Unterschiede.» Dazu dürfte seine Wohnsituation zählen, denn nun teilt er sich seine Unterkunft in Aarau Rohr mit seiner Freundin Camila, mit welcher er schon sechs Jahren zusammen ist. Sie gibt ihm Kraft und unterstützt ihn, indem sie ihn ins Training fährt, für ihn kocht und seine Spiele besucht. Die Wohnung in Rohr gefalle ihm sehr gut und er fühle sich immer wohler. Zudem ist er selbst auch älter und reifer geworden und hat bereits viele Menschen – darunter auch einige Landsleute – in der Schweiz kennengelernt.

Zu den engsten Bezugspersonen in Aarau zählt Silvan Schertenleib, Präsident der «Sponsorenvereinigung FC Aarau». Er hilft Carlinhos bei alltäglichen Fragen sowie bei der Integration und steht fast täglich in Kontakt mit ihm. «Er ist bei seinen Wurzeln geblieben und nicht abgehoben, ein hochanständiger und guter Junge», sagt Schertenleib über seinen Schützling. Carlinhos versteht aufgrund seines Gastspiels in Deutschland bereits ziemlich gut Hochdeutsch und spricht selber auch ein paar Brocken, sodass er im Training keine Verständigungsprobleme hat.

Bei komplexeren Gesprächen mit den Trainern oder der Presse ist Silvan Schertenleib meist dabei und übersetzt Carlinhos die Fragen oder Anweisungen auf Portugiesisch, so auch bei unserem Interview. Bei der Frage, was er im Vorfeld bereits über die Schweiz wusste, muss Carlinhos lachen. «Ehrlich gesagt wusste ich nicht einmal, dass die Schweiz existiert», so Carlinhos, doch mittlerweile habe er viele Leute kennengelernt und auch schon einiges gesehen. Doch sportlich war der Start für Carlinhos auch beim FC Aarau nicht einfach. Von den lokalen Medien bereits nach wenigen Spielen abgeschrieben und in einer Mannschaft, der es nicht lief, konnte Carlinhos seine Stärken noch nicht ausspielen.

Ein zweiter Versuch

Doch dies änderte sich rasch, denn in sportlicher Hinsicht setzte er Ende August ein erstes Ausrufezeichen, als er den vielumjubelten Siegtreffer gegen Neuchâtel Xamax FCS erzielte. Es war der erste Treffer im FCA-Trikot für Carlinhos und gleichzeitig auch der erste Meisterschaftssieg für den FC Aarau. Dieses Tor muss eine riesige Erlösung gewesen zu sein, beim Jubeln konnte er seine Tränen nicht mehr zurückhalten und sorgte damit auch bei den Zuschauern für einen Gänsehautmoment. Beim zweiten Vollerfolg gegen den FC Schaffhausen (2:0) avancierte Carlinhos als Doppeltorschütze erneut zum Matchwinner. Sein mittlerweile viertes Tor durfte er am vergangenen Wochenende in Winterthur bejubeln.

«Ich fuhle mich in meiner offensiven Rolle sehr wohl, sogar wohler als in der Abwehr.»

Carlos Vinicius Santos de Jesus

Somit ist Carlinhos nun alleiniger FCA-Topskorer in der Meisterschaft. Dabei ist für ihn die Rolle als Goalgetter neu, nachdem er bei seinen vormaligen Stationen vor allem als Aussenverteidiger gespielt hatte. «Ich fühle mich in meiner offensiven Rolle sehr wohl, sogar wohler als in der Abwehr. Ausserdem fühlt es sich grossartig an, Tore zu schiessen», erzählt Carlinhos mit Begeisterung. Dabei hilft ihm auch sein Glaube an Gott. Vor jedem Spiel und auch nach seinen Toren sieht man Carlinhos beten. «Ohne Gottes Hilfe könnte ich nicht Fussballer sein, er ist alles für mich», erzählt er. Bekanntlich kann der Glaube Berge versetzen, und vielleicht werden so einst auch Carlinhos’ grösste Träume in Erfüllung gehen: «Es wäre unglaublich schön, für die Seleção auflaufen zu dürfen oder mit einem Verein in der Champions League zu spielen. Aber kurzfristig möchte ich mich mit guten Leistungen beim FC Aarau auszeichnen, um meinen Teil zum Wiederaufstieg in die Super League beizusteuern.»

Matchzeitung Nr. 7 (2015/16) lesen

Dieser Artikel ist am 26. Oktober 2015 in der Ausgabe Nr. 7 (Saison 2015/16) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den FC Lausanne-Sport erschienen.

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Weitere Infos zum Dokumentarfilm «Mata, Mata»

Website des Dokumentarfilms
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