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Im Interview spricht Verteidiger Nicolas Bürgy über seine vielseitigen Interessen, die Vorbildrolle von Roger Federer und eine gravierende Verletzung.

Unser Treffpunkt am Abend vor dem Auswärtsspiel in Schaffhausen ist die neu bezogene Wohnung von Nicolas Bürgy. Sie liegt im Aeschbachquartier in Aarau, unweit des geplanten Stadions im Torfeld Süd. Im modernen Neubau wohnt Bürgy erst seit wenigen Wochen. Bei meiner Ankunft ist in der Küche schon alles bereit für ein vielseitiges Nachtessen, das der Abwehrspieler auf den Tisch zaubert. Die Kunst des guten Kochens lernte Bürgy von Mutter Christine, selbst passionierte Köchin. Das Abendessen wird auf speziellen Tellern serviert, jeder ein Unikat – Stil wird gross geschrieben. Musik kommt vom Plattenspieler, Bücher liegen auf dem Tisch und früh wird klar, dass sich Bürgy nicht in die klischeebehafteten Schubladen des «typischen Fussballers» stecken lässt.

«Mein Traum vom Profifussballer wurde kontinuierlich realistischer und greifbarer.»

Nicolas Bürgy, über die Juniorenzeit

Zusammen mit der älteren Schwester Stephanie wuchs Bürgy in Belp auf. Als Vierjähriger lief er das erste Mal im Trikot des FC Belp auf. Bevor er sich mit zwölf Jahren und einem Angebot des BSC Young Boys definitiv für den Fussball entschied, war er zusätzlich im Eishockeytraining beim SC Bern aktiv und spielte Beachvolleyball. Bei YB durchlief er danach alle Juniorenstufen. «Den Traum vom Profifussballer hatte ich bereits als Kind, mit jedem Erreichen der nächsten Stärkeklasse wurde dieser Traum dann kontinuierlich realistischer und greifbarer», so Bürgy. Immer öfter konnte er mit dem Berner Fanionteam trainieren und sammelte wertvolle Erfahrungen.

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«Anfänglich hatte ich grossen Respekt, mit meinen Idolen zu trainieren. Im Laufe der Zeit merkte ich jedoch, dass ich in bestimmten Bereichen plötzlich mithalten konnte und vieles rückte in Griffweite», erzählt Bürgy, der vor drei Jahren seinen ersten Profivertrag bei seinem Herzensverein unterschrieb. In der U-21 des BSC Young Boys war er Captain und absolvierte zur gleichen Zeit das Gymnasium – mit den beiden Schwerpunktfächern Physik und angewandte Mathematik. Weil es für diese Fachrichtung keine Sportklasse gab, durfte sich Bürgy seinen Stundenplan selber zusammenstellen, um jeweils morgens mit der Profimannschaft trainieren zu können – zwischenzeitlich besuchte er den Unterricht in acht verschiedenen Schulklassen.

Lehrreiche Zeit im Freiamt

«Es brauchte viel Disziplin, aber lehrte mich auch, meine Zeit einzuteilen», erinnert er sich. Die Matura schloss Bürgy im Sommer 2015 erfolgreich ab, es folgten zu dieser Zeit einige Veränderungen. Er absolvierte die Sportler-RS, welche den Schwerpunkt nach einer kurzen, allgemeinen Ausbildung auf das Training legt – während 18 Wochen konnte Bürgy in Magglingen individuell trainieren. «Ich konnte in dieser Zeit physisch enorm profitieren», so Bürgy, der als einer von nur drei Fussballern das Privileg der Sportler-RS geniessen durfte.

Im selben Sommer verliess Bürgy auch sein Elternhaus erstmalig, um eine Saison auf Leihbasis beim FC Wohlen in der Challenge League zu verbringen. Obwohl sich Bürgy auf die neue Herausforderung freute, war es als 19-Jähriger nicht einfach, den Schritt weg von zuhause zu wagen. «Ich hatte einige falsche Vorstellungen, doch es war eine lehrreiche Zeit, die mich in der Persönlichkeitsentwicklung vorwärtsbrachte», fasst Bürgy seine Zeit in Wohlen zusammen; sowohl sein erstes als auch sein letztes Spiel für die Freiämter war ein Kantonsderby gegen den FC Aarau.

«Meine Wahrnehmung war eingeschränkt, zeitweise hatte ich sogar Mühe, einem Gespräch zu folgen.»

Nicolas Bürgy, über seine Verletzung

Bei der Rückkehr zu YB herrschte ein massives Überangebot an Innenverteidigern und damit nur wenig Platz für Bürgy; stattdessen folgte eine Ausleihe zum FC Thun, wo er während eineinhalb Saisons spielte. Der Start verlief verheissungsvoll. Bürgy war schnell Stammspieler und durfte einmal sogar mit der Captainbinde auflaufen – als 21-Jähriger in der Super League. Alles schien nach Plan zu verlaufen, die Rückkehr zu YB in Reichweite, als Bürgy eine Verletzung jäh stoppte.

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Im März 2018 sah Bürgy nach einem Spiel gegen den FC St. Gallen verschwommen. In der Annahme, bei einem der zahlreichen Zweikämpfe eine leichte Hirnerschütterung erlitten zu haben, wurden Bürgy einige Tage Ruhe verordnet. Die Situation verbesserte sich jedoch nicht und es folgten unzählige Abklärungen. Ausgeschlossen wurde eine Hirnerschütterung, doch die Symptome blieben unverändert. «Meine Wahrnehmung war eingeschränkt, zeitweise hatte ich sogar Mühe, einem Gespräch zu folgen.» Mehrere Male versuchte Bürgy erfolglos die Rückkehr ins Mannschaftstraining – ein halbes Jahr blieb er schliesslich ohne Ernstkampf.

Eine Verletzung zur Unzeit

«Wenn man sich verletzt und eine Dia­gnose erhält, kann man einen Plan erstellen und individuell trainieren, dies war bei mir leider nicht möglich», erzählt Bürgy. Die Zeit sei mental enorm schwierig zu verkraften gewesen; vor allem, weil Bürgy als fokussierter und disziplinierter Mensch tatenlos abwarten und viele Rückschläge verkraften musste. Zum Schluss lautete die Diagnose eine Fehlregulation des autonomen Nervensystems. Die Verletzung kam zu einer Zeit, in der bei seinem Stammclub BSC Young Boys alles perfekt lief. Der erste Schweizer Meistertitel seit über 30 Jahren, Champions-League-Teilnahme, die Stadt Bern im Partyrausch – nur allzu gerne wäre Bürgy ein Teil dieser Erfolge seiner Teamkameraden und Freunde gewesen. «Das Ziel schien im Winter so nahe, war dann aber plötzlich wieder ganz weit weg», resümiert Bürgy über die Verletzung zur Unzeit.

«Die Passion für den Verein und der grosse Zusammenhalt haben mich sehr beeindruckt.»

Nicolas Bürgy, über den FC Aarau

Zum aktuellen Saisonstart war unklar, wie es weitergehen würde. Glücklicherweise verbesserte sich seine gesundheitliche Situation und er prüfte verschiedene Optionen für eine erneute Ausleihe. Zusammen mit Vater Urs besuchte Bürgy am dritten Spieltag dieser Saison das Spiel zwischen Aarau und dem SC Kriens auf den Stehrängen im Brügglifeld: «Die Passion für den Verein und der grosse Zusammenhalt haben mich sehr beeindruckt», so Bürgy, der auch die Unterstützung in der schwierigen sportlichen Situation hervorhebt. Schlussendlich entschied sich Bürgy für die Ausleihe nach Aarau für den Rest der Saison. «Ich hatte bereits mehrfach in Aarau gespielt und hatte einen positiven Eindruck vom Verein, auch die Stadt gefällt mir gut», erklärt er.

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Als Bürgy zum FC Aarau stiess, steckte der Verein nach sechs sieglosen Spielen zum Saisonstart in der Krise. Die Verunsicherung bei der Mannschaft sei spürbar gewesen, die Niederlagen hatten Spuren hinterlassen. «Die Mannschaft war aber intakt und man spürte bei allen die Bereitschaft, noch mehr zu machen, um zurück in die Spur zu finden.» Was will Bürgy in Aarau erreichen? «Ich erwarte viel von mir», sagt Bürgy, der neben der grossen Leidenschaft Fussball noch viele weitere Interessen hat. Bürgy spielt Klavier, kocht gerne und isst bewusst, besucht Veranstaltungen anderer Sportarten.

Selber spielt er regelmässig Tennis, wie sein grosses Idol Roger Federer. Diesen konnte er während der vergangenen Nationalmannschaftspause live spielen sehen – zusammen mit einigen Kollegen schaute sich Bürgy in London die Halbfinals der ATP World Tour Finals an. Wenn Bürgy über Federer spricht, gerät er ins Schwärmen. «Seine Bescheidenheit, die vorbildliche Art, gepaart mit den grossen Ambitionen, sind grossartig. Wie er seit so vielen Jahren immer auf den Punkt bereit sein kann, beeindruckt mich sehr», so Bürgy.

«Es ist ein absolutes Privileg, Fussballer zu sein. Das noch grössere Privileg ist jedoch, gesund zu sein.»

Nicolas Bürgy, über seinen Beruf

Eine Hilfe, um selber immer auf den Punkt fokussiert zu sein, ist auch das Wirtschaftsstudium, welches Bürgy seit zwei Jahren an einer Fern-Uni absolviert. Zweimal pro Jahr absolviert er Zwischenprüfungen, alles andere kann er von zuhause aus machen. «Für mich ist es keine Belastung, sondern ein Ausgleich und eine Bereicherung, es fördert meine Konzentrationsfähigkeit.» Wäre Bürgy nicht Fussballer geworden, hätte er nach der Matura ein Medizinstudium angestrebt, die Chirurgie oder Neurologie hätten ihn interessiert, auch Sportmedizin wäre eine Option gewesen. Doch nun lebt er seinen Traum vom Profifussball und weiss: «Es ist ein absolutes Privileg, Fussballer zu sein. Das noch grössere Privileg ist jedoch, gesund zu sein.» Bleibt zu hoffen, dass Bürgy genau wie der FC Aarau den neu gewonnenen Fokus weiterhin hochhalten kann.

Matchzeitung Nr. 9 (2018/19) lesen

Dieser Artikel ist am 2. Dezember 2018 in der Ausgabe Nr. 9 (Saison 2018/19) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den FC Lausanne-Sport erschienen.

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