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Der Start in die «Ära Marco Schällibaum» ist resultatmässig nicht so geglückt, wie es der neue FCA-Cheftrainer selber erwartet und erhofft hatte.

Im Gespräch äussert sich der ehemalige Schweizer Nationalspieler über das Zigeunerleben als Trainer und erklärt, weshalb ihn das Aarauer Publikum beeindruckt.

 

Marco, was kommt dir spontan zu Aarau in den Sinn, wenn wir den Fussball einmal ausklammern?

FC Aarau

Ich denke da spontan an Aaraus wunderschöne Altstadt. Mit meiner Familie war ich auch schon zweimal hier etwas essen. Von unserem Wohnort Gelterkinden aus liegt Aarau ja auch recht nahe. Ein guter Freund von mir führt zudem eine Lounge in der Aarauer Innenstadt.

Marco Schällibaum, Cheftrainer

Welche Erinnerungen hast du an frühere Gastspiele im Brügglifeld als Spieler oder Trainer?

FC Aarau

Das waren meist schwierige Spiele. Was mir aber immer gefallen hat, war die Fairness der Fans. Es ist ein dankbares und unterstützendes Publikum, das ein gutes Gespür hat. Während in anderen Stadien rasch Pfiffe ertönen, wenn es mal nicht läuft, honorieren es hier die Leute, wenn sie erkennen, dass ihre Mannschaft alles gibt, auch wenn es nicht zum Sieg reichen sollte.

Marco Schällibaum, Cheftrainer

Wie beschreibst du den Leuten, die dich nie haben spielen sehen, den einstigen Spieler Marco Schällibaum?

FC Aarau

Ich war stets sehr pflichtbewusst und loyal meinem Club gegenüber. Auf dem Feld habe ich immer alles gegeben. Dazumal gehörte ich einer ersten Generation Aussenverteidiger an, die mit Punch nach vorne spielten. Auf meine Spielerkarriere darf ich durchaus stolz sein: Ich konnte 31 Länderspiele bestreiten, erlebte drei Meistertitel und einen Cupsieg. Von der Vergangenheit kann man sich nichts kaufen, ich kann höchstens die Erfahrungen mitnehmen, aber ich lebe in der Gegenwart und richte meinen Blick nach vorne. Es gilt jeden Tag neue Wege zu finden, um sich zu verbessern.

Marco Schällibaum, Cheftrainer

Mit deiner Anstellung beim FC Aarau ist das Dutzend nun voll an Vereinen in den höchsten beiden Schweizer Ligen während deiner Karriere. Wie schwer fällt es dir, dich immer wieder von Neuem mit einem Club und dessen Region zu identifizieren?

FC Aarau

Als Spieler hatte ich relativ wenige Clubwechsel zu verzeichnen. Inklusive Junioren verbrachte ich 15 Jahre bei GC, und auch bei Servette war ich sechs Jahre unter Vertrag. Das Trainerdasein hingegen ist ein Zigeunerleben. Dieses Business ist extrem schnelllebig. Du erhältst als Trainer praktisch nie Zeit, etwas aufzubauen. Es interessiert nur der kurzfristige Erfolg. In der Schweiz ist das sehr ausgeprägt. Dass wir hier die höchste Quote an Trainerentlassungen in ganz Europa haben, sollte uns nachdenklich stimmen.

Marco Schällibaum, Cheftrainer

Welche Rolle spielte die Familie bei deinem Entscheid, zum FC Aarau zu wechseln?

FC Aarau

Mir war bewusst, dass ich mit meinem abrupten Weggang von Chiasso gewisse Leute enttäuschen würde. Ich bin nun 53 Jahre alt, und das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine egoistische Entscheidung traf. Eine Entscheidung für mich und meine Familie. Ich hatte die Möglichkeit, zu einem Club zu wechseln mit einigem Potenzial. Zum Privatleben: In fünf der letzten sechs Jahre war ich kaum zu Hause. Das ist nicht einfach für einen Vater, der seine Familie liebt. Das Leben rast wie ein TGV an einem vorbei. Nun kann ich wieder ein gutes Gleichgewicht herstellen zwischen Arbeit und Privatem. Es war kein Entscheid gegen Chiasso, sondern einer für den FC Aarau und für meine Familie.

Marco Schällibaum, Cheftrainer

Dein erstes Spiel als FCA-Coach an der Seitenlinie am letzten Sonntag in Biel hast du dir bestimmt anders vorgestellt...

FC Aarau

Ja, allerdings. Nach Spielschluss ging ich zu den mitgereisten Fans und sprach mich mit deren Wortführern aus. Das war für mich ein Novum, und dies bereits im ersten Match ... Aber es war mir wichtig rüberzubringen, dass ich die Mannschaft, die ebenso leidet in der aktuellen Situation wie die treuen Fans, schützen wollte. Ich denke, diese Message kam an, es war ein sehr respektvoller Austausch. Die kämpferische Leistung, das unentwegte Anrennen in der zweiten Halbzeit, obwohl alles gegen uns lief, gibt mir das Recht zu sagen, dass diese Mannschaft Unterstützung verdient. Die Spieler verspüren einen immensen Druck. Dieser kann leistungsfördernd sein, aber er kann auch lähmen. Es liegt nun an uns, wieder ein Feuer zu entfachen und diese Talsohle zu überwinden.

Marco Schällibaum, Cheftrainer

Worin siehst du in erster Linie die Gründe für die sportliche Misere des FC Aarau?

FC Aarau

Es ist vor allem ein mentales Problem. Wenn du ständig auf die „Fresse“ kriegst, wird es immer schwieriger, wieder aufzustehen. Wichtig ist, dass nicht einer alleine den Turnaround schaffen kann. Ich brauche dazu alle. Die Spieler auf dem Feld und auf der Bank, den Staff, den Verein, die Fans ... Nur so können wir wieder ein gutes Fundament bauen.

Marco Schällibaum, Cheftrainer

Nun kommt es bereits zum ersten Aufeinandertreffen mit jener Mannschaft, die du bis vor drei Wochen noch selber trainiert hast. Welche Reaktionen von den Spielern hast du erhalten nach deinem plötzlichen Rücktritt?

FC Aarau

Wie schon erwähnt habe ich im Verein einige Leute enttäuscht mit meinem Vorgehen, dementsprechend gab es auch negative Reaktionen. Von Spielerseite erhielt ich jedoch ausschliesslich verständnisvolle SMS und Telefonanrufe. Wir hatten eine sehr gute und erfolgreiche Zeit zusammen, die geprägt war von gegenseitiger Anerkennung und Respekt. Es lässt mich bestimmt nicht kalt, dass es am Samstag ein Wiedersehen gibt, aber da werde ich Profi genug sein, um dies zur Seite zu legen. Alles andere liegt in unserer momentanen Situation auch gar nicht drin.

Marco Schällibaum, Cheftrainer

Du warst vor deinem Engagement in Chiasso, das im Frühling dieses Jahres startete, über ein Jahr ohne Trainerjob. War für dich immer klar, dass du im Trainermetier bleiben möchtest?

FC Aarau

Diese Gedanken machte ich mir zweifellos. Ich will jeden Tag aufstehen, um Ziele zu erreichen. Wenn du jedoch keine Ziele definieren kannst, wirds schwierig. Ich bin nun seit 20 Jahren im Trainermetier, da ist es nicht einfach, plötzlich einer anderen Arbeit nachzugehen.

Marco Schällibaum, Cheftrainer

Wie würdest du deinen Führungsstil und deine Spielphilosophie umschreiben?

FC Aarau

Ich bin sehr fordernd. Die Spieler können mir vertrauen, dass ich alles für den Erfolg tue, dasselbe erwarte ich aber auch von ihnen. Ich rede viel mit ihnen, so kann ich auch den Mensch hinter dem Fussballer kennenlernen. Meine Philosophie ist, dass ich immer in ein Spiel gehe, um es zu gewinnen, egal ob zuhause oder auswärts. Unentschieden bringen dich kaum weiter. Ich will eine Mannschaft auf dem Feld sehen, die dementsprechend auftritt. Die Fans sollen mit Vorfreude ins Stadion kommen und - noch wichtiger - nach dem Spiel auch glücklich wieder nach Hause gehen.

Marco Schällibaum, Cheftrainer

Welche kurz- und mittelfristigen Ziele strebst du mit dem FC Aarau an?

FC Aarau

Zunächst geht es einfach mal darum, in den verbleibenden vier Meisterschaftsspielen bis zur Winterpause möglichst viele Punkte zu holen, um aus dieser ungemütlichen Zone herauszukommen. Da nehme ich gerne auch mal einen Sieg hin, wenn er „erknorzt“ und ohne spielerischen Glanz zustande kommt. Und da ist ja auch noch das Cupspiel gegen Luzern, in dem wir uns von der besten Seite präsentieren wollen. Danach geht es darum, alles zu analysieren und die nötigen Schlüsse daraus zu ziehen. Es wird sicher auch personelle Anpassungen im Kader geben im Hinblick auf die Rückrunde.

Marco Schällibaum, Cheftrainer

Matchzeitung Nr. 9 (2015/16) lesen

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Dieser Artikel ist am 7. November 2015 in der Ausgabe Nr. 9 (Saison 2015/16) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den FC Chiasso erschienen.

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