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Im Interview spricht Linus Obexer über seine Premiere in der Super League, über die eingeschworene Truppe beim Aufsteiger Neuchâtel Xamax und seine Momente als «Spinner».

Früh übt sich, wer erfolgreich sein will. Im Alter von fünf Jahren startete Linus Obexer seine Laufbahn beim FC Länggasse – gemeinsam mit seinem besten Kollegen, dessen Bruder beim Berner Quartierverein als Trainer tätig war. Bei einem regionalen Turnier – inzwischen war Obexer zehn Jahre alt – fielen seine Qualitäten auch den Verantwortlichen des BSC Young Boys auf, sodass er fortan beim grossen Stadtclub spielte. Höhere Ambitionen waren damals noch nicht im Mittelpunkt gestanden. «Meine Eltern haben mich immer unterstützt, aber zu nichts gezwungen», erinnert sich Obexer. Zusammen mit seiner älteren Schwester wuchs er in der Berner Länggasse auf. Die Eltern hatten sich getrennt, als Obexer noch ein Kleinkind war: «Ich hatte stets ein gutes Verhältnis zu beiden und genoss die Abwechslung, vor allem wenn ich bei meinem Vater manchmal etwas länger gamen durfte», lacht Obexer, dessen Eltern auch heute noch – wenn immer möglich – zusammen die Spiele des Sohnes besuchen.

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Im Zweikampf mit Mychell Chagas

Dabei ist die Familie durchaus mit einem fussballerischen Talent gesegnet, denn der Cousin von Obexer ist niemand Geringerer als YB-Angreifer Christian Fassnacht. Die beiden pflegen ein freundschaftliches Verhältnis und verfolgen natürlich den Werdegang des anderen. Auf Vorbilder angesprochen, gefallen Obexer mit Blick auf seine Rolle als Aussenverteidiger unter anderem Weltmeister Benjamin Pavard (Stuttgart) und Andrew Robertson (Liverpool).

«Im Vorfeld war ich sehr nervös, freute mich gleichzeitig aber auch riesig auf das Spiel.»

Linus Obexer, über sein Debüt

Im Nachwuchs der Young Boys schaffte es Obexer trotz seiner damals recht kleinen und schmächtigen Statur kontinuierlich in die nächsten Stärkeklassen. Als er in der U-18 erstmals für die Schweizer Nachwuchsequipe aufgeboten wurde, wuchs der Glaube an eine mögliche Profikarriere. Kurze Zeit später – wenige Wochen vor seinem 19. Geburtstag – stand Obexer zum ersten Mal im Rampenlicht, als er bei einem 3:1-Heimsieg gegen den FC St. Gallen in der Super League debütierte und sogleich in der Startformation stand. «Zu dieser Zeit war ich im totalen Prüfungsstress am Gymnasium und eigentlich total fertig», erinnert sich Obexer. «Im Vorfeld war ich sehr nervös, freute mich gleichzeitig aber auch riesig auf das Spiel.» Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er lediglich einige Male auf der Ersatzbank des Fanionteams Platz nehmen dürfen. In der Folge kam Obexer insgesamt zwölf Mal mit der 1. Mannschaft zum Einsatz – auch im Schweizer Cup und in der Europa League.

Eine angenehme Antithese

Zur selben Zeit befand sich Obexer im Endspurt für die Maturaprüfungen. In Bern besuchte er während fünf Jahren das Sportgymnasium und schloss die Prüfungen im Sommer 2017 erfolgreich ab. «Das letzte Schuljahr war streng. Ich musste vieles zuhause nacharbeiten. Umso glücklicher war ich, als die Doppelbelastung zu Ende war.» In der zweiten Hälfte der vorletzten Saison kam Obexer bei den Young Boys nicht mehr zum Einsatz, sodass er sich für eine Ausleihe in die Challenge League entschied. «Ich hatte das Vertrauen etwas verloren und war selbst noch nicht so weit, in einem Team mit Leistungsdruck bestehen zu können», so Obexer selbstkritisch. Allgemein wirkt er in seiner Art besonnen, demütig und fokussiert – eine angenehme Antithese zu vielen anderen jungen Fussballern.

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Obexer im Trikot von Xamax auf dem Brügglifeld

Nicht nur mit der Ausleihe zu Neuchâtel Xamax stand eine Luftveränderung bevor, zur gleichen Zeit wartete auch der Militärdienst auf den jungen Schweizer. Dabei konnte Obexer eine sogenannte Sportler-RS – eine speziell auf die spezifischen Bedürfnisse junger Profisportler abgestimmte Rekrutenschule – absolvieren und in dieser Zeit speziell im physischen Bereich viel profitieren. Aufgrund der vielen militärbedingten Abwesenheiten wurde aber auch der Start in Neuenburg erschwert, vor allem weil Obexer eine von sehr wenigen Neuverpflichtungen in einer eingeschworenen Truppe war. So fällt sein Rückblick auch zwiespältig aus: «Einerseits war es manchmal recht hart, andererseits durfte ich auch viel für meine Karriere lernen», so Obexer, welcher total zu 17 Einsätzen kam; sein Leihjahr gipfelte im verdienten Aufstieg der Westschweizer.

«Ich bin nicht ein Mensch, der aktiv auf andere zugeht, aber wenn ich Freundschaft geschlossen habe, kann ich auch mal zum Spinner werden.»

Linus Obexer, über sich selbst

Ein Verbleib in Neuchâtel war zwar ein Thema, kam aber schliesslich nicht zustande. Von einer Rückkehr zu YB wurde ebenfalls abgesehen, denn die Position von Obexer ist mit dem Ex-Aarauer Loris Benito sowie Neuzugang Ulisses Garcia doppelt besetzt. «Es wäre für mich zu früh gewesen», weiss Obexer. Demnach kam die Anfrage des FC Aarau zum richtigen Zeitpunkt – und nach einem Gespräch mit Sportchef Sandro Burki und Cheftrainer Patrick Rahmen wurde die einjährige Ausleihe aufs Brügglifeld schliesslich fixiert; sein Vertrag beim BSC Young Boys läuft noch bis im Sommer 2020. «Ich wusste, dass sowohl das Team als auch der Staff im Umbruch sind und etwas Neues aufgebaut werden soll. Dadurch sah ich auch gute Chancen für mich bei diesem Traditionsverein», so Obexer. Aus den gemeinsamen Spielen in der Nationalmannschaft war ihm Mats Hammerich schon bekannt. Und Raoul Giger war ein regelmässiger Kontrahent bei den Junioren – mittlerweile sind sie gute Freunde geworden und unternehmen viel zusammen. «Ich bin nicht ein Mensch, der aktiv auf andere zugeht, aber wenn ich Freundschaft geschlossen habe, kann ich auch mal zum Spinner werden.»

Überragende Stimmung

Natürlich hatte er sich den Saisonstart in Aarau auch anders vorgestellt. Zuhause gegen Servette spielte er von Beginn weg, das Auswärtsspiel in Winterthur verpasste er wegen einer Grippe. «Die Stimmung im Brügglifeld war überragend, sodass wir Spieler viel Unterstützung auf dem Feld gespürt haben», so Obexer, der die Mannschaft zwar auf dem rechten Weg sieht, aber auch auf die grosse Umstellung hinweist: «Es braucht etwas Zeit, damit alles Neue greift. Wir müssen dranbleiben und wissen, dass andere Teams teilweise nur defensiv spielen. In der Challenge League bringt schöner Fussball nicht zwingend Erfolg.» Es sind solche Sätze, die die nüchterne Art seiner Analyse nicht besser umschreiben könnten; ebenso zeigt er sich selbst demütig: «Ich muss noch lernen, reifer und konstanter zu spielen, um Fehler zu vermeiden.» Um kontinuierlich Fortschritte zu machen, schaut er sich seine eigenen Spiele in der Nachbetrachtung an, um sich verbessern zu können.

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Wertvolle Erfahrungen durfte Obexer auch mit dem Schweizer Kreuz auf der Brust sammeln – insgesamt 24 Mal lief er bislang für die U-18, U-19 und U-20 seiner Heimat auf. «Es macht mich stolz, mein Land vertreten zu dürfen. Die Aufgebote sorgen auch für Abwechslung zum Vereinsalltag.» In Erinnerung ist ihm nebst vielen tollen und erfolgreichen Spielen speziell eine Niederlage gegen die Altersgenossen aus England vor rund drei Jahren geblieben. Damals musste sich die helvetische Equipe mit 1:6 geschlagen geben. «Die Engländer waren uns in allen Belangen überlegen und haben uns an eine Wand gespielt. Es war für mich prägend zu sehen, wo andere im gleichen Alter bereits stehen. Manchmal kann es nicht schaden, auf den Boden der Realität zurückgeholt zu werden», so Obexer.

Erst vor Kurzem bezog er – zusammen mit Offensivspieler Varol Tasar – eine Dachwohnung im Aarauer Stadtteil Rohr. «Ich wollte nicht jeden Tag so viel Zeit im Auto verbringen. Auch mental ist es einfacher, in der Nähe zu wohnen», sagt Obexer. In der Freizeit verbringt er Zeit mit Freunden, relaxt an der Aare oder ist beim Basketballspielen oder im Fitness anzutreffen. Zudem hat er in der neuen Wohnung die Freude am Kochen entdeckt. Nun gilt es auch auf dem Fussballplatz das Erfolgsrezept zu finden.

Matchzeitung Nr. 2 (2018/19) lesen

Dieser Artikel ist am 4. August 2018 in der Ausgabe Nr. 2 (Saison 2018/19) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den SC Kriens erschienen.

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