Rückkehrer mit Bundesliga-Erfahrung

Auf die­se Sai­son hin kehr­te der inzwi­schen 30-jäh­ri­­ge Tor­hü­ter Andre­as Hir­zel zu sei­nem Jugend­ver­ein zurück. Das High­light sei­ner bis­he­ri­gen Kar­rie­re war ein Ein­satz in der Bun­des­li­ga für den Ham­bur­ger SV.

In sei­nem Roman «Der Goa­lie ben ig» erzählt Pedro Lenz von einem jun­gen Mann, der die Schuld für alle Miss­ge­schi­cke in sei­nem Freun­des­kreis auf sich nimmt, um ande­re zu beschüt­zen. Er fühlt sich wie ein Goa­lie im Fuss­ball, der für alle Gegen­to­re ver­ant­wort­lich sei, und wird des­halb von allen nur noch «Goa­lie» geru­fen. Tat­säch­lich ist Tor­hü­ter ein Pos­ten, der nicht von allen Fuss­bal­lern als Lieb­lings­po­si­ti­on bezeich­net wird. Viel Ruhm gibt es meis­tens nicht zu gewin­nen, in den Spiel­zu­sam­men­fas­sun­gen wer­den tol­le Zuspie­le oder auch mehr oder weni­ger gelun­ge­ne Abschlüs­se gezeigt. Ein Fehl­schuss wird einem Stür­mer meis­tens schnell ver­zie­hen, wohin­ge­gen ein Feh­ler des Goa­lies meis­tens einen geg­ne­ri­schen Tref­fer zur Fol­ge hat. Aber ein Goa­lie kann auch einen ent­schei­den­den Anteil am Erfolg einer Mann­schaft haben, und so schaf­fen es denn doch ab und zu gros­se Para­den in die Spiel­zu­sam­men­fas­sun­gen.

«Ich woll­te Goa­lie wer­den und habe es auch geschafft.»
— Andre­as Hir­zel, über sei­ne Zie­le

Einer, der von Anfang an Goa­lie wer­den woll­te, ist Andre­as Hir­zel. Bereits als klei­ner Bub, als er mit sei­nen drei älte­ren Brü­dern im Gar­ten auf ein vom Vater zusam­men­ge­bau­tes Tor spiel­te, stell­te er sich frei­wil­lig zwi­schen die Pfos­ten und wehr­te die Bäl­le sei­ner Geschwis­ter ab.

Etwas spä­ter, als er sich den Junio­ren des FC Urdorf anschloss, setz­te er sich gegen die durch­aus vor­han­de­ne Kon­kur­renz auf dem Goa­lie­pos­ten durch. «Ich gehör­te nicht zu den Jungs, die ins Goal gestellt wur­den, weil sie ein­fach sehr gross oder tech­nisch limi­tiert waren», erin­nert sich Andre­as Hir­zel im Gespräch. «Ich woll­te Goa­lie wer­den und habe es auch geschafft.» Über sei­nen Vater lern­te Andre­as den Goa­lie­trai­ner Wil­ly Weber ken­nen, der damals beim FC Aar­au ange­stellt war und in Zürich eine Goa­lieschu­le führ­te. Ein­mal wöchent­lich trai­nier­te er von da an im Hard­hof, und bald zeig­te sich, dass da viel Talent vor­han­den war. Ein Wech­sel zu den Gras­shop­pers zer­schlug sich, weil er dann mit dem GC-Goa­­lie­­trai­­ner hät­te arbei­ten müs­sen. So kam Hir­zel zur U11 des FC Aar­au, wo er sich kon­ti­nu­ier­lich nach oben arbei­te­te. Sämt­li­che Sta­tio­nen des Nach­­wuchs-Leis­­tungs­­­fus­s­­balls durch­lief er, bis er zu den ers­ten Trai­nings der 1. Mann­schaft auf­ge­bo­ten wur­de.

Von Zofin­gen zu den Gras­shop­pers

Mit 18 Jah­ren wech­sel­te Andre­as Hir­zel leih­wei­se zum SC Zofin­gen, wo der ehe­ma­li­ge FCA-Ver­­­tei­­di­­ger Mir­ko Pav­li­ce­vic Trai­ner war. Er soll­te Spiel­pra­xis sam­meln und wei­te­re Fort­schrit­te machen. «Ein Wech­sel zum FC Baden stand eben­falls im Raum, doch dort war Cyrill Schnei­der eine fixe Grös­se im Goal, an ihm war kaum vor­bei­zu­kom­men», erin­nert sich Hir­zel. «In Zofin­gen war ich hin­ge­gen Stamm­goa­lie und bestritt fast alle Spie­le der Sai­son 2011/12.» Nach die­ser Sai­son im Thut­städt­chen wäre eine Rück­kehr nach Aar­au geplant gewe­sen, doch dann mel­de­ten sich die Gras­shop­pers, die einen Goa­lie für die U21-Man­n­­schaft such­ten.

Andre­as Hir­zel als jun­ger Goa­lie im FCA-Tri­­kot (2012)

Nach die­sem Abste­cher nach Zürich ging es ziem­lich tur­bu­lent wei­ter. Der FC Aar­au war in die Super League auf­ge­stie­gen und hat­te mit Joël Mall und Swen König bereits zwei Tor­hü­ter. So wur­de Hir­zel erneut aus­ge­lie­hen, dies­mal nach Baden, wo er den Auf­stieg gegen Xamax nur knapp ver­pass­te. Danach lief sein Ver­trag mit dem FC Aar­au aus, und er wech­sel­te nach Vaduz, wo damals wie heu­te Sebas­ti­an Sel­ke die Goa­lies trai­nier­te. Die­ser wie­der­um kann­te Ste­fan Wäch­ter, den Goa­lie­trai­ner des Ham­bur­ger SV. «Sebas­ti­an emp­fahl mich Ste­fan, der Sport­chef Peter Knä­bel kon­tak­tier­te mich – und eine sol­che Chan­ce durf­te ich nicht unge­nutzt ver­strei­chen las­sen. So lan­de­te ich beim dama­li­gen Dino­sau­ri­er der Bun­des­li­ga. Ich schloss mich dem HSV an, der im Trai­nings­la­ger in Flims/Laax weil­te, und kam bereits am ers­ten Tag im Test­spiel gegen Armi­nia Bie­le­feld zum Ein­satz. In der Vor­be­rei­tung auf die Sai­son 2015/16 bestritt ich ins­ge­samt vier Par­tien.»

Ger­ne erin­nert er sich an die Bun­­des­­li­­ga-Eröf­f­­nungs­­­par­­tie am 14. August 2015 in der Alli­anz Are­na gegen den Rekord­meis­ter FC Bay­ern Mün­chen. «Es war ein gross­ar­ti­ges Erleb­nis, auch wenn wir am Ende 0:5 ver­lo­ren haben. Ich sass zwar 90 Minu­ten auf der Bank, aber die gan­ze Stim­mung konn­te ich schon genies­sen.»

«Da hat man kei­ne Zeit, ner­vös zu wer­den, man ist wie in einem Tun­nel und funk­tio­niert ein­fach.»
— Andre­as Hir­zel, über sei­nen Bun­­des­­li­­ga-Ein­­satz

Bereits in der drit­ten Run­de beim 1. FC Köln kam Andre­as Hir­zel dann zu sei­nem Bun­­des­­li­­ga-Debüt. Stamm­goa­lie René Adler hat­te sich eine Ver­let­zung zuge­zo­gen. «Zunächst wur­de ich zum Auf­wär­men geschickt, und nach eini­gen Minu­ten kam Ste­fan Wäch­ter auf mich zu. Ich dach­te, er wol­le mir mit­tei­len, dass ich mich wie­der set­zen kön­ne, weil die Ver­let­zung doch nicht so schlimm sei. Aber er sag­te mir, ich sol­le mich bereit machen für den Wech­sel. Da hat man kei­ne Zeit, ner­vös zu wer­den, man ist wie in einem Tun­nel und funk­tio­niert ein­fach.» Die 1:2‑Niederlage blieb sein ein­zi­ger Ein­satz in der Bun­des­li­ga. In den fol­gen­den Spie­len hüte­te Jaros­lav Drob­ny den HSV-Kas­­ten.

Die Resul­ta­te des Ham­bur­ger SV ver­folgt er auch heu­te noch, und er wünscht sei­nem ehe­ma­li­gen Club, dass er end­lich wie­der in die Bun­des­li­ga zurück­kehrt. «Es ist aber nicht so, dass ich alle Spie­le live im Fern­se­hen mit­ver­fol­ge. Wenn ich nicht mit dem FC Aar­au unter­wegs bin, freue ich mich, mög­lichst viel Zeit mit mei­ner Frau und mei­nen drei Kin­dern ver­brin­gen zu dür­fen.»

Chall­enge League statt Super League

Wäh­rend sei­ner drei Jah­re im Nor­den Deutsch­lands blieb der Kon­takt zu Sebas­ti­an Sel­ke und dem heu­ti­gen Vaduz-Spor­t­­chef Franz Burg­mei­er immer bestehen, und als der Ver­trag bei den Han­se­städ­tern aus­lief, bahn­te sich ein Wech­sel zu den Liech­ten­stei­nern an. «Ich freu­te mich auf die Rück­kehr, denn ich woll­te wie­der regel­mäs­sig spie­len und hat­te sehr gute Erin­ne­run­gen an mei­ne Zeit in Vaduz. Wäh­rend der Sai­son 2018/19 ent­stan­den dann ers­te Kon­tak­te zum FC Thun. In Vaduz brach natür­lich nicht die gros­se Begeis­te­rung aus, aber sie woll­ten mir auch kei­ne Stei­ne in den Weg legen, wenn ich anstatt in der Chall­enge League in der Super League spie­len konn­te. Das Ver­ständ­nis war abso­lut vor­han­den, und ich wech­sel­te nach Thun.» Das Schick­sal woll­te es dann, dass die Ber­ner Ober­län­der aus­ge­rech­net in Hir­zels ers­ter Sai­son am Thu­ner­see gegen die Vadu­zer in der Bar­ra­ge 2020 antre­ten muss­ten und das Duell auch prompt ver­lo­ren und den Gang in die zweit­höchs­te Liga antre­ten muss­ten.

Hir­zel (rechts) mit Mar­vin Hübel und Goa­lie­trai­ner Fla­mur Tahi­raj

Nach all die­sen Wech­seln kam nun lang­sam die Zeit, in der Andre­as Hir­zel etwas mehr Ruhe in sein Leben brin­gen woll­te. Da auch die Kon­tak­te zum FC Aar­au über die gan­ze Zeit nie kom­plett abge­ris­sen waren, bot es sich an, irgend­wann ein­mal zurück ins Brügg­li­feld zu kom­men. Nach­dem ein ers­ter Ver­such nicht geklappt hat­te, wur­de es auf die­se Sai­son hin kon­kret. Hir­zel wech­sel­te als Goa­lie Num­mer 2 zum FCA und win­det den Ver­ant­wort­li­chen ein Kränz­chen: «Sie waren von Anfang an ehr­lich und teil­ten mir mit, dass Mar­vin vom FC Baden als Num­mer 1 vor­ge­se­hen sei. Das habe ich sehr geschätzt, denn damit wuss­te ich, wor­auf ich mich ein­liess. Es ist wich­tig, wenn ein ambi­tio­nier­ter Club einen erfah­re­nen zwei­ten Goa­lie hat, der die Num­mer 1 unter­stützt und bereit ist, wenn er gebraucht wird. Bis­her hat Mar­vin aller­dings sei­ne Sache so gut gemacht, dass es kei­nen Anlass gibt, ihn nicht spie­len zu las­sen.»

«Die­ti­kon ist mei­ne Hei­mat. Und dort mein Pflicht­spiel­de­büt für den FCA zu geben, war sehr schön.»
— Andre­as Hir­zel, über sein FCA-Debüt im Cup

Trotz­dem durf­te Andi ein­mal in einem Wett­be­werbs­spiel auf­lau­fen, und zwar in einem ganz beson­de­ren. Im Schwei­zer Cup traf der FC Aar­au in der ers­ten Run­de auf den FC Die­ti­kon. «Ein ganz spe­zi­el­les Spiel für mich», schwärmt er. «Die­ti­kon ist mei­ne Hei­mat. Ich bin zwar in Urdorf auf­ge­wach­sen, aber mei­ne Eltern kom­men aus Die­ti­kon. Und dort mein Pflicht­spiel­de­büt für den FCA zu geben, war sehr schön. Auch wenn es kein ein­fa­ches Spiel war, haben wir gewon­nen und uns für die nächs­te Run­de qua­li­fi­ziert. Aber die eine Situa­ti­on, als ein geg­ne­ri­scher Spie­ler völ­lig allei­ne vor mir auf­tauch­te und zum Glück für uns beim Schuss­ver­such in den Boden trat, war schon sehr hei­kel.» Das sei auch die gros­se Her­aus­for­de­rung des Tor­hü­ters, ergänzt er: Da sei man die längs­te Zeit weit weg vom Gesche­hen, habe nichts zu tun, und plötz­lich müs­se man voll und ganz da sein. Das gilt natür­lich auch für den Moment, wenn man, wie Hir­zel in Köln, innert weni­ger Minu­ten für eine Ein­wechs­lung bereit sein muss.

Nun ist Andre­as Hir­zel also in der Regi­on Aar­au sess­haft gewor­den. Er ist genug umge­zo­gen und plant kei­nen wei­te­ren Wech­sel mehr. «Das will ich mei­ner Fami­lie nicht mehr zumu­ten. Mei­ne Kin­der wer­den grös­ser und sol­len nicht dau­ernd die Schu­le wech­seln müs­sen.» Trotz­dem möch­te er dem Fuss­ball erhal­ten blei­ben. Er bil­det sich im Trai­ner­be­reich wei­ter und möch­te spä­ter ein­mal in die Fuss­stap­fen von Wil­ly Weber tre­ten und Goa­lies aus­bil­den. Bereits heu­te ach­tet er dar­auf, wie Trai­nings gestal­tet wer­den, und er betreut die Goa­lies der Aar­au­er Nach­wuchs­mann­schaf­ten. Ein Goa­lie bleibt ein Goa­lie.

Match­zei­tung Nr. 13 (2023/24) lesen

Die­ser Arti­kel ist am 1. März 2024 in der Aus­ga­be Nr. 13 (Sai­son 2023/24) der Match­zei­tung HEIMSPIEL gegen den Neu­châ­tel Xamax FCS erschie­nen.

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