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Im Gespräch erzählt Simon Enzler, warum es Goalies im Fussball am schwierigsten haben, wieso er nicht Eishockey-Profi geworden ist und weshalb ihn Jonas Omlin zu Höchstleistungen motiviert.

Es ist Anfang August dieses Jahres. Simon Enzler bestreitet sein erstes Pflichtspiel für die Profis des FCL. Das Debüt in der Super League läuft gut für den jungen Zentralschweizer. Die Basler Stürmer können Enzler nicht bezwingen. Er und seine Teamkollegen stibitzen im St. Jakob-Park einen Punkt zum Abschluss der Saison. Ein Grund zum Feiern? Nicht unbedingt. Dieses eine Spiel war zwar schön, aber die ganze Spielzeit als Ersatzgoalie war für Enzler nicht einfach. «Ich sehe es als gutes Lehrjahr, allerdings wollte ich nicht nur Back-up, sondern Stammspieler beim FCL werden», erzählt er heute. Von den erfahrenen Marius Müller, David Zibung sowie von Goalietrainer und Ex-Aarauer Lorenzo Bucchi lernt er in dieser Saison viel. Aber sein Entschluss steht fest: Wenn möglich, möchte Simon Enzler irgendwo regelmässig zum Einsatz kommen.

Starker Konkurrenzkampf in Kriens

Ein Jahr zuvor – 2018 – wurde Enzler zur Nummer 1. Er war damals ausgeliehen nach Kriens. Der Amateurklub war gerade aus der Promotion League in die zweithöchste Liga aufgestiegen und hatte mit Sebastian Osigwe bereits einen starken Goalie. Bruno Berner, der Krienser Trainer, setzte zu Beginn der Saison weiter auf den Aufstiegshelden Osigwe. «Als ich beim SCK am Anfang auf der Bank sass, war für mich klar: Ich kämpfe, bis ich hier die Nummer 1 bin», sagt Enzler. In den Trainings arbeitete der junge Goalie hart an seinen Fähigkeiten und auch neben den offiziellen Einheiten schleifte er ehrgeizig an seinem Passspiel und der Ballbehandlung.

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«Nicht spielen zu dürfen war hart für mich, auch weil ich überzeugt war, dass ich besser bin als mein Konkurrent.» Auch neben dem Platz soll alles stimmen für Bestleistungen, so plant Enzler beispielsweise auch seinen Menüplan mit einem Ernährungsberater: «Lachs und Süsskartoffeln gibt es seither deutlich öfter bei uns», erzählt Enzler begeistert. Die harte Arbeit und Professionalität zahlte sich aus. Beim Auswärtsspiel gegen Servette kurz vor der Winterpause bekam Enzler seine Chance und nutzte sie mit einer starken Leistung gegen den Aufstiegsfavoriten. Fortan war Enzler Stammgast im Krienser Tor. Sein Ziel war erreicht.

«Es ist wichtig in einem guten Goalie-Team, dass man den Spagat zwischen Wettkampf und Kollegialität findet.»

Simon Enzler

Der Zweikampf mit Osigwe machte Enzler bewusst, dass Torhüter auch vor soziale Herausforderungen gestellt werden: «Als Goalie ist man immer in einem knallharten Konkurrenzkampf. Es kann nur einer im Tor stehen – anders als bei Stürmern, da kann der Trainer auch einfach zwei spielen lassen oder in der Pause wechseln», erklärt er. Trotz dem Konkurrenzdenken ist für den Zuger allerdings klar, dass man die anderen Schlussmänner trotzdem unterstützt und für das Team denken muss. «Es ist wichtig in einem guten Goalie-Team, dass man den Spagat zwischen Wettkampf und Kollegialität findet», so Enzler. Aber auch andere Qualitäten sind massgebend: «Als Goalie solltest du Ruhe und Sicherheit ausstrahlen. Du musst deinen Mitspielern immer das Gefühl geben, dass du alles im Griff hast.

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Nebst den technischen Fertigkeiten mit den Füssen und Händen ist auch die Fähigkeit, ein Spiel lesen zu können und der Abwehr die richtigen kurzen Kommandos zu geben, sehr wichtig», erklärt Enzler. Und dazu kommt die Besonderheit, dass sich ein Goalie noch weniger als seine Kollegen auf dem Feld einen Fehler erlauben darf, denn sehr oft führen diese zu einem Gegentor. Vielleicht waren es genau diese Herausforderungen, die Enzler dazu brachten, als 12-Jähriger dem Fussball treu zu bleiben. Denn bis dahin spielte er auch Eishockey, als Verteidiger beim EV Zug. «Als ich mich dann entscheiden musste, ob ich weiterhin Hockey oder Fussball spielen will, war für mich klar, dass mich die Goalie-Aufgabe mehr reizt.» Dem EV Zug ist er allerdings als Fan treu geblieben.

«Ein Traum wäre, in der Bundesliga und der Nationalmannschaft zu spielen. Aber dafür müsste schon vieles zusammenpassen.»

Simon Enzler

Im Nachhinein ist Enzler froh, sich für den Fussball entschieden zu haben. Die Zeit in Kriens, in der er sich durchsetzen konnte, hat ihm viel Selbstvertrauen gegeben. Auch der Weg seines Goalie-Kollegen Jonas Omlin ist für Enzler eine Motivation: «Die Karriere von Jonas zeigt mir, dass es möglich ist, sich durchzusetzen, auch wenn die Konkurrenz gross ist. Seinen Werdegang finde ich beeindruckend», erzählt er und ergänzt, dass Omlin ja auch in der Challenge League – bei Kriens und Le Mont – gespielt hat. Enzlers Ziel ist es denn auch, sich in den nächsten Jahren in der Super League als Goalie zu etablieren. «Ein Traum wäre, in der Bundesliga und der Nationalmannschaft zu spielen. Aber dafür müsste dann schon vieles zusammenpassen», gibt sich Enzler bescheiden.

Ausgleich Familie, Arbeit und Studium

Der 23-Jährige schätzt es, einen Ausgleich zum Fussball zu haben. Bis vor Kurzem arbeitete Enzler noch Teilzeit in einer Immobilienverwaltung in Luzern. «Die administrativen Arbeiten im Büro und der Kontakt zu den Mietern der Liegenschaften waren eine tolle Abwechslung zu den Trainings.» Neben den Einheiten in Aarau geht das aber nicht mehr. Jedoch hat er andere Pläne, sich ausserhalb des Sportes zu beschäftigen. «Im Moment bin ich gerade in der Evaluation eines Studiengangs. Gerne würde ich mich in der Immobilienbranche oder in Richtung Aktienhandel oder sonst in der Finanzwelt weiterbilden», erklärt Enzler seine Pläne.

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Kinderfoto: Rahel und Simon Enzler auf dem Eisfeld im heimischen Garten.

Seine Freizeit verbringt Enzler gerne zuhause in seinem Elternhaus in Unterägeri. Er geniesst den Garten und hilft oft seinen Grosseltern. Allgemein betont er, dass die Familie seinen sportlichen Werdegang sehr unterstützt hat. Und nicht nur seinen – auch jenen seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Rahel. Sie ist dem Eishockey treu geblieben und spielt mittlerweile in Nordamerika und im Schweizer Nationalteam. «Meine Eltern kamen an jedes unserer Spiele, und wenn wir gleichzeitig einen Match hatten, dann teilten sie sich halt auf», erzählt Enzler mit einem Lächeln. Weil er sich zuhause so wohl fühlt, hat sich Enzler auch noch keine Wohnung in Aarau gesucht – den weiten Weg nimmt er in Kauf.

«Jetzt kann ich sagen, dass mir das letzte Jahr in Luzern auf der Ersatzbank viel gebracht hat. Vielleicht sieht Nicholas das in einigen Jahren auch so.»

Simon Enzler

Diese Ruhe und Gelassenheit aus dem hei­mischen Garten versucht Enzler auch auf das Spielfeld mitzunehmen. Das heisst aber nicht, dass er still vor sich hin spielt. Nein – es gehört sogar zu seinen Stärken, die Abwehr lautstark zu dirigieren. «Früher war ich auch auf dem Feld viel ruhiger, diese Kommandos für die Mitspieler musste ich bei den Junioren Schritt für Schritt lernen», blickt er zurück. Enzler ist überzeugt, dass sein sicheres, unaufgeregtes Auftreten dem FC Aarau weiterhilft. Vielleicht sind es auch genau diese Punkte, die das Trainerteam von Aarau dazu bewogen haben, Enzler zur neuen Nummer 1 zu machen. Aber auch hier ist sich der Zentralschweizer bewusst, dass die Situation für seinen Konkurrenten um die Position im Tor, Nicholas Ammeter, nicht einfach ist. Auch er möchte eigentlich spielen.

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Enzler könnte sich allerdings vorstellen, dass Ammeter in seinem Alter von einer ruhigeren Saison auch profitieren könnte: «Jetzt kann ich sagen, dass mir das letzte Jahr in Luzern auf der Ersatzbank viel gebracht hat. Vielleicht sieht Nicholas das in einigen Jahren auch so.» Die Frage ist nur, ob Enzler seinen Platz im FCA-Goal nächste Saison wirklich wieder räumt. Denn bis jetzt gefällt es ihm in Aarau und in der Mannschaft sehr gut. «Mein Vertrag läuft Ende Saison aus und wo ich dann spiele, das kann jetzt noch niemand sagen», führt er aus. Wer weiss, vielleicht sucht sich Simon Enzler in nächster Zeit ja doch noch eine Wohnung in Aarau.

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Dieser Artikel ist am 24. Oktober 2020 in der Ausgabe Nr. 4 (Saison 2020/21) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den Neuchâtel Xamax FCS erschienen.

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