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Im Interview spricht Sven Christ, Technischer Leiter des Team Aargau, über Schutz- und Trainingskonzepte zu Corona-Zeiten, fehlende Matchpraxis für junge Talente und die Zusammenarbeit mit den Partnervereinen.

Im Schweizer Fussball dürfen momentan nur noch Profi-Mannschaften trainieren. Wo ist der Junioren-Spitzenfussball einzuordnen, sprich: Kann das Team Aargau aktuell überhaupt trainieren?

Patrick Haller

Ja, inzwischen können alle Auswahlen im Team Aargau wieder mit Körperkontakt trainieren. Bis zur Altersstufe U16 war dies schon seit längerer Zeit erlaubt - und seit Ende der letzten Woche fallen auch die Teams von U17 bis U21 in die Kategorie «Training unter meist professionellen Bedingungen». Es fehlen uns also einzig die Wettkämpfe, was wir mit internen Testspielen zu kompensieren versuchen.

Sven Christ

Welche sonstigen Massnahmen (abseits der Trainingsgestaltung) mussten ergriffen werden, um den Schutz der Spieler in «Corona-Zeiten» auch abseits des Spielfeldes zu gewährleisten?

Patrick Haller

Wir haben seit Beginn der Corona-Pandemie auf jede Änderung des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) mit Anpassungen in unserem Schutzkonzept reagiert, weil uns sehr wichtig war, dass die Jungs trainieren können. Der Aufwand aller Beteiligten war in diesem Jahr enorm, die ständigen Änderungen haben eine hohe Flexibilität verlangt. Zudem war es am Anfang schwierig, die Jungs für die Konzepte zu sensibilisieren. In der Schule hatten sie normal Turnunterricht, durften duschen und sich umziehen. Bei uns wurde während der «ersten Welle» hingegen nur noch in Vierergruppen ohne Körperkontakt trainiert. Die Spieler mussten sich draussen umziehen und ohne Duschen wieder nach Hause gehen. In der «zweiten Welle» war die Umsetzung einfacher, da die Spieler bereits sensibilisiert waren – so wurde das Tragen einer Maske ebenso zur Selbstverständlichkeit wie das Befolgen aller sonstigen Massnahmen. Glücklicherweise konnten wir eine Einigung mit der Stadt Aarau erzielen, sodass die U17 und die U18 wieder duschen dürfen. Wir hoffen, dass die Kabinen zu Beginn des neuen Jahres - unter Einhaltung unserer strengen Schutzkonzepte - wieder von sämtlichen Mannschaften nach dem Training benutzt werden dürfen. Alles andere ergibt einfach keinen Sinn.

Sven Christ
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In diesem Jahr gab es nur sehr wenig Matchpraxis für junge Talente

Der Spielbetrieb im Junioren-Spitzenfussball ist seit Ende Oktober wieder unterbrochen – bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr. Welche Auswirkungen hat diese fehlende Matchpraxis auf die Entwicklung der Nachwuchstalente im Schweizer Fussball generell?

Patrick Haller

Die Jungs tun mir leid. Wir wissen, dass der wichtigste Entwicklungsschritt vor allem in der U18 (U19) passiert. Da zeigt sich, wem der Sprung in den Profi-Fussball gelingt - oder eben nicht. Unsere Spieler hatten im Jahr 2020 lediglich sieben Ernstkämpfe. Diese Tatsache ist verheerend. Zwar kann ich nicht einschätzen, wie sich das weltweit auf diese Jahrgänge auswirken wird, aber ich ahne schlimmes.

Sven Christ

Die U17-Auswahl wird in dieser Saison als separate Mannschaft geführt - und nicht erst im Laufe einer Woche (aus den übrigen Teams) für das Spiel am Wochenende zusammengestellt, wie es im Vorjahr noch üblich war. Weshalb hat man sich zu diesem Schritt entschlossen?

Patrick Haller

Wir mussten feststellen, dass es die ständigen Wechsel in der letzten Saison verunmöglicht haben, eine Mannschaft entstehen zu lassen. Die Mechanismen haben nicht funktioniert, obwohl wir die gleichen Schwerpunkte sowohl in der U16 wie auch in der U18 setzten. Als fixe Mannschaft in der «Junior League B» haben wir den Vorteil, dass sich die Spieler für die beiden Eliteteams empfehlen können. Die Arbeit von Marc Grütter, Oli Häusermann und Jan Schneider zahlt sich definitiv aus - so haben es bereits mehrere Spieler über die U17-Auswahl zurück in die Eliteteams geschafft.

Sven Christ
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Die Trainercrew des «Team Aargau» - mit Sven Christ (vorne, Mitte)

Das Team Aargau ist im Sommer eine neue Partnerschaft mit dem SC Zofingen eingegangen. Wie fällt deine erste Zwischenbilanz aus?

Patrick Haller

Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Der Austausch zwischen dem Team Aargau und seinen Partnervereinen ist hervorragend, weil der «Aargauer Weg» von allen Clubs unterstützt wird. Zudem können wir sowohl in Zofingen (Anmerkung: Hansruedi Birrer) als auch in Baden (Ranko Jakovljevic) auf Trainer zählen, die die Nachwuchsorganisation «Team Aargau» aus eigener Erfahrung kennen und die jungen Spieler fördern wollen. Besser könnte es im Moment gar nicht laufen.

Sven Christ

Der Schweizer Fussball kämpft aufgrund der Corona-Pandemie vermehrt mit finanziellen Engpässen. Ist dies auch beim Team Aargau spürbar bzw. gibt es Befürchtungen, dass die Nachwuchsförderung weggespart werden könnte?

Patrick Haller

Auch wir mussten im Frühling auf Kurzarbeit umstellen. Alle Trainer waren sofort einverstanden und halfen mit, die Finanzen unter Kontrolle zu halten. Zwar gab es Leistungskürzungen vom Kanton und vom Schweizerischen Fussballverband (SFV), was wir jedoch dank der Kurzarbeit auffangen konnten. Ich glaube nicht, dass der Nachwuchs weggespart wird. Im Gegenteil: Ich bin davon überzeugt, dass die Nachwuchsarbeit in Zukunft noch wichtiger werden wird, weil sich auch der Fussball verändern wird. Die Vereine werden vermehrt auf den eigenen Nachwuchs setzen müssen.

Sven Christ
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