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Im grossen Portrait spricht der 35-jährige Ivorer über exorbitante Telefonrechnungen, die zentrale Figur in seiner Karriere und seine Beziehung zu Gott.

Abidjan, grösste Stadt der Elfenbeinküste. Vier Millionen Einwohner. In einem ruhigen Quartier wuchs Gilles Yapi mit seinen Eltern und einer jüngeren Schwester auf. Bald entdeckte er seine Liebe für den Fussball, spielte stundenlang mit seinen Freunden in den Strassen der ivorischen Metropole. «Eines Tages schrieb ich einen Brief an meinen Vater, um ihm mitzuteilen, dass ich nicht mehr in die Schule gehen werde», lacht Yapi. Er stiess auf taube Ohren. Dies änderte sich 1994, als die «Académie de Sol Beni» eröffnet wurde, initiiert vom einstigen Servette-Trainer Jean-Marc Guillou. Nach einem einjährigen Aufnahmeprozess wurde Yapi in die Fussballschule integriert und drückte fortan nicht mehr nur die Schulbank, sondern wurde auch in sportlicher Hinsicht gefördert.

«Das war ein enormes Risiko – so etwas hatte Afrika zuvor noch nie gesehen.»

Gilles Yapi, über sein Debüt im Supercup

«Ich hatte schon immer vom Leben als Profi geträumt», sagt Yapi, der den Wechsel in die 1. Mannschaft von Rekordmeister ASEC Mimosas – als Kooperationspartner von Guillous Akademie – im Alter von 17 Jahren schaffte. Er debütierte beim Triumph im ivorischen Supercup, als nur blutjunge Spieler aus dem Internat eingesetzt wurden; später wurde dieses Kunststück im Endspiel des afrikanischen Supercups wiederholt. «Das war ein enormes Risiko – so etwas hatte Afrika zuvor noch nie gesehen», weiss Yapi. Da sie sich in der Jugend stets mit Älteren gemessen hatten, fiel ihm der Wechsel in den Erwachsenenfussball leicht.

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Gilles Yapi beim Teleclub-Interview

Der Mittelfeldstratege wurde vom damaligen ASEC-Trainer Michel Decastel in seiner zweiten Saison zum Captain ernannt, bald folgten erste Aufgebote für die ivorische Nationalmannschaft und schliesslich wagte er den Sprung nach Europa. In Beveren, einer belgischen Arbeiterstadt in der Nähe von Antwerpen, hatte sich Guillou in den örtlichen Erstligisten eingekauft, um seine Talente von der Elfenbeinküste ins Schaufenster einer europäischen Liga zu stellen. Kritische Stimmen verteufelten ihn als Menschenhändler, von Yapi wird er zur «zentralen Person meiner Karriere» erkoren. Fünf junge Ivorer wechselten 2001 in die flämische Provinz. Auf sie gewartet hatte niemand. «Zu Beginn war es schwierig, mit der neuen Mentalität umzugehen. Wir mussten alles neu lernen», so Yapi. Er erzählt von einer Anekdote, als der erste Lohn vollständig für die Telefonrechnung draufging – stundenlang hatten sie mit den Familien in der Heimat telefoniert.

Eine Mannschaft voller Landsleute

Auch sportlich harzte es. Nur zwei Spiele wusste Beveren über die ganze Spielzeit zu gewinnen und blieb nur dank den Konkursen zweier Kontrahenten in der Beletage. Erst als weitere Ivorer zum Team stiessen, ging es aufwärts. «Endlich konnten wir unseren Fussball spielen», erinnert sich Yapi, «und auch der neue Trainer passte zu unserer Philosophie.» Zehn Tore erzielte Yapi in seiner zweiten Saison, als zeitweise elf Ivorer aufliefen – dank einer liberalen Ausländerregelung im belgischen Fussball. Damals teilte sich Yapi eine Wohnung mit Yaya Touré (Manchester City); auch Artur Boka (Stuttgart) und Emmanuel Eboué (Arsenal) fanden via Beveren nach Europa.

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Gilles Yapi spielt seit Ende August für den FC Aarau

Nach zweieinhalb Jahren nutzte auch Yapi sein belgisches Sprungbrett. Er wechselte zu Nantes in die Ligue 1; schliesslich sei es der grosse Traum eines jeden afrikanischen Nachwuchskickers, einmal in der höchsten Spielklasse Frankreichs aufzulaufen. In Erinnerungen schwelgend gerät Yapi richtiggehend ins Schwärmen: «In fussballerischer Hinsicht war es die beste Zeit in meiner Karriere.» Rasch hatte er sich auf dem höheren Niveau als Stammspieler etabliert – nur ein Titel sollte ihm als Krönung bei den «Kanarienvögeln» von der Atlantikküste verwehrt bleiben.

«Das war der Höhepunkt meiner Karriere. Ich bin sehr glücklich, dass ich diesen Moment erleben durfte.»

Gilles Yapi, über seine WM-Teilnahme

In der Nationalmannschaft musste er 2006 von der Ersatzbank mitansehen, wie das Endspiel im Afrika-Cup gegen den Gastgeber aus Ägypten verloren ging. «Es war eine grosse Ehre, in diesem Kader zu stehen – auch ohne zu spielen, konntest du die verschworene Einheit spüren», so Yapi. Nur wenige Monate später präsentierten sich die «Elefanten», wie die ivorische Landesauswahl auch genannt wird, an der Weltmeisterschaft in Deutschland. Ein Traum ging in Erfüllung, als Yapi – mit der Nummer 10 auflaufend – im Gruppenspiel gegen die Niederlande eingewechselt wurde. «Das war der Höhepunkt meiner Karriere. Ich bin sehr glücklich, dass ich diesen Moment erleben durfte, nachdem ich schon als Kind davon geträumt hatte.»

Warten auf einen Titelgewinn

In der Zwischenzeit war Yapi zum BSC Young Boys gewechselt, wo er seine Sehnsucht nach einem Titel jedoch auch nicht stillen konnte. Dreimal reichte es nur zum zweiten Rang in der Super League, zweimal musste sich YB im Cupfinal vor heimischer Kulisse gegen Sion geschlagen geben. «Natürlich war es immer eine grosse Enttäuschung», so Yapi. Er habe aber auch gelernt, dass es sich im Leben lohne, immer weiterzumachen. In seiner letzten Saison in der Bundesstadt reichten jedoch auch 13 Punkte Vorsprung nicht zum Meistertitel.

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Gilles Yapi jubelt mit Seydou Doumbia im YB-Trikot auf dem Brügglifeld

In der Rückrunde hatte der kolportierte Transfer von Yapi zum Titelrivalen aus Basel für erhitzte Gemüter gesorgt, ehe er für die Finalissima sogar aus dem YB-Kader gestrichen wurde. Dennoch würde Yapi rückblickend wieder so handeln: «Ich habe auch nach meiner Unterschrift immer Gas gegeben. Ausserdem war es keine Entscheidung gegen die Young Boys, sondern für meine persönliche Karriere.»

Erst viel später kam an die Öffentlichkeit, dass der zierliche Stratege während seiner YB-Zeit von privaten Problemen geplagt war. Erfolglos suchte er nach einer Lösung, verfiel schliesslich in die okkulte Szene und verlor einen grösseren Geldbetrag. «Ich habe sogar an Selbstmord gedacht», gesteht Yapi. Neun Jahre sind inzwischen vergangen, seit ihn seine Frau in die Kirche mitnahm und er eine Begegnung mit Jesus hatte. «Die Entscheidung für ein Leben mit Gott war die wichtigste meines Lebens. Ich wurde von meinen Sorgen befreit und habe mich zu einem neuen Menschen entwickelt», so Yapi.

«Mein Leben ist in den Händen von Gott. Er weiss, warum etwas geschieht. Er liebt mich und hat mir immer neue Kraft gegeben»

Gilles Yapi, über seinen Glauben

Auf dem Rasen startete er nach seinem Wechsel ans Rheinknie durch. Endlich holte er die langersehnten Titel. «Deshalb hatte ich mich für Basel entschieden», so Yapi. Es sei die optimale Wahl gewesen, auch wenn sein Vertrag nach einem Kreuzbandriss schliesslich nicht mehr erneuert wurde. Von Existenzängsten war er zu dieser Zeit befreit. «Mein Leben ist in den Händen von Gott. Er weiss, warum etwas geschieht. Er liebt mich und hat mir immer neue Kraft gegeben», sagt Yapi über seinen Glauben. Es vermag somit nicht zu erstaunen, dass der Ivorer nach dem verhängnisvollen Foul von Ex-FCA-Spieler Sandro Wieser im Herbst 2014 nie ein schlechtes Wort über seinen Gegenspieler verlor.

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Vor drei Jahren lief Yapi als Testspieler schon einmal im FCA-Dress auf

Zuvor war Yapi nach einem Abstecher in die Vereinigten Arabischen Emirate zu seiner grossen Familie (fünf Kinder) in die Schweiz zurückgekehrt, wo er nach einem Trainingsaufenthalt im Brügglifeld schliesslich zum FC Zürich wechselte. Drei Jahre später – nach Abstieg, Cupsieg und Wiederaufstieg – führte ihn Gottes Weg doch noch zum FC Aarau. «Ich wurde geholt, um meine Erfahrungen zu teilen», weiss auch Yapi. Als Mittelfeldakteur wolle er das Spiel organisieren und ein Vorbild für seine Mitspieler sein, denn «die Leidenschaft für den Fussball spüre ich in meinem Alter weiterhin.»

Matchzeitung Nr. 8 (2017/18) lesen

Dieser Artikel ist am 17. November 2017 in der Ausgabe Nr. 8 (Saison 2017/18) der Matchzeitung HEIMSPIEL gegen den Servette FC erschienen.

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