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Im ersten Teil unseres Jahresabschluss-Interviews sprechen Roland Baumgartner und Philipp Bonorand über ihr spezielles Premierenjahr, über den Strategiewechsel des FC Aarau und die grosse Solidarität im Umfeld des Vereins.

Roland, du bist seit dem 1. Januar 2020 als Geschäftsführer der FC Aarau AG tätig. Wie lautet das Fazit nach deinem ersten Jahr?

Patrick Haller

Unter dem Strich ziehe ich ein sehr positives Fazit, auch wenn ich mir dieses Jahr natürlich anders vorgestellt habe. Ursprünglich war vorgesehen, dass ich mich nach der Übergabe durch Röbi Kamer in die verschiedenen Themen einarbeite, um dieses breite Spektrum an Aufgaben «step by step» kennenzulernen. Aber dann kam der 13. März, der Tag des «Lockdowns», und plötzlich war alles anders. Es galt täglich Lösungen für die vielen Herausforderungen zu finden. Dabei hatte ich das Glück, einen direkten Zugang zu Philipp Bonorand zu haben. Gemeinsam haben wir uns laufend ausgetauscht. Ebenfalls konnte ich mich auf ein tolles, motiviertes Team verlassen - was in den vergangenen Monaten geleistet wurde, ist aussergewöhnlich! Es war eine anstrengende und fordernde, aber zugleich auch spannende Zeit. Auf diese Weise bin ich extrem schnell in die Themen hineingekommen. Am Ende des Jahres würde ich es für mich so zusammenfassen: Müde, aber glücklich!

Roland Baumgartner

Wie hast du die Zusammenarbeit mit den anderen Vereinen der Swiss Football League (SFL) in dieser herausfordernden Zeit erlebt?

Patrick Haller

Es hat ein ständiger Austausch zwischen den Clubs stattgefunden. Als Neuer war die Situation für mich von Vorteil, weil ich so innert Kürze viele Personen kennenlernen durfte. Zudem habe ich mich als Vertreter der Challenge League auch in der «Task Force Spielbetrieb» einbringen können. Generell habe ich gespürt, dass die Solidarität der Vereine im Laufe der Corona-Zeit zugenommen hat. Im Frühjahr haben oftmals noch Eigeninteressen dominiert, aber über die letzten Monaten haben die Vereine auch dank den grossen Anstrengungen der Swiss Football League gemeinsam auf die besten Lösungen hingearbeitet. Dies war auch sehr wichtig, um ein positives Bild in der Öffentlichkeit und gegenüber der Politik abzugeben. Ebenso habe ich es begrüsst, dass sich der Schweizer Fussball mit Vertretern der Eishockey-Liga kurzgeschlossen hat, um zusammen mit einer noch stärkeren Stimme für unsere Anliegen sprechen zu können.

Roland Baumgartner
«Rückblickend bin ich überzeugt, dass wir uns nun für eine sinnvollere, nachhaltige Strategie entschieden haben.»

Philipp Bonorand, VR-Präsident

Philipp, auch du hättest im Laufe des Jahres durch Alfred Schmid, deinen Vorgänger als VR-Präsident, ins Amt «eingearbeitet» werden sollen. Wie wurde diese Übergabe von Corona durchkreuzt?

Patrick Haller

Bekanntlich war ich bereits im Juni 2019 in den Verwaltungsrat gewählt worden und habe in den folgenden Monaten schon verschiedene Aufgaben übernommen. Dabei habe ich mich in einem ständigen Austausch mit Alfred Schmid befunden - am Tag des «Lockdowns» haben wir beschlossen, dass ich die operative Führung per sofort übernehmen werde. Dies war natürlich ein abrupter Bruch, doch der frühzeitige Übergang (zusammen mit Roland Baumgartner) hatte auch gewisse Vorteile. Es wurden nicht nur Doppelspurigkeiten verhindert, sondern auch eine Geschäftsleitung installiert, sodass wir in dieser herausfordernden Zeit gemeinsam vorwärts arbeiten konnten. Ich habe das Glück, in meinen eigenen Unternehmen bisher nicht so stark von der Corona-Pandemie betroffen zu sein, sodass ich mich stärker mit dem FC Aarau beschäftigen konnte. Es ist klar, dass ich dies nicht jahrelang mit diesem Zeitaufwand machen kann, aber aktuell war es notwendig - zumal ich in diesem Jahr sehr viele Dinge lernen durfte.

Philipp Bonorand

Deine Amtsübernahme steht auch in Verbindung mit einem sportlichen Strategiewechsel beim FC Aarau. Wie hast du das erlebt?

Patrick Haller

Als ich im letzten Jahr eingestiegen bin, sprach man immer von der «12er-Liga», also von der Aufstockung der höchsten Spielklasse. Der FC Aarau wollte im Hinblick auf die aktuelle Saison 2020/21 investieren, um den Aufstieg in die Super League anzustreben. Dann zerschlug sich diese Ligareform, wodurch sich neue Türen öffneten. Rückblickend bin ich überzeugt, dass wir uns nun für eine sinnvollere, nachhaltige Strategie entschieden haben. Ich höre immer wieder, dass sich die Leute mit unserem sympathischen Weg identifizieren können. Ebenso kann man sagen, dass uns die Pandemie «geholfen» hat - dank Corona mussten wir zwangsweise über die Bücher gehen. Wir konnten den nötigen Umbruch vollziehen, welchen wir ansonsten wohl nicht realisiert hätten.

Philipp Bonorand
«Wir können uns nur aus tiefstem Herzen für die anhaltende Unterstützung unserer treuen Fans bedanken.»

Roland Baumgartner, Geschäftsführer

Der Schweizer Fussball muss seit Beginn der Corona-Pandemie mit Zuschauerrestriktionen in verschiedenen Formen leben. Aktuell sind maximal 50 Personen im Stadion zugelassen. Was bedeutet dieser Umstand für den Absatz von Saisonkarten?

Patrick Haller

Es ist klar, dass wir die bezahlten Leistungen aufgrund der geltenden Regelungen momentan nicht erbringen können. Umso herausragender war die Solidarität, welche wir im diesem Jahr gespürt haben - und noch immer spüren dürfen. Es gab nur vereinzelte Rückforderungen von Abonnenten. Gesamthaft handelt es sich etwa um 3'000 Franken. Und die meisten Saisonkarteninhaber haben trotz der unsicheren Lage auch für die laufende Saison 2020/21 wieder eine Saisonkarte gekauft. Dies hat uns natürlich sehr stark geholfen und wir können uns nur aus tiefstem Herzen für die anhaltende Unterstützung unserer treuen Fans bedanken.

Roland Baumgartner

Wie sieht es bei den Sponsoren aus?

Patrick Haller

Auch hier sind keine Rückforderungen für nicht-erbrachte Leistungen erfolgt. Im Gegenteil: Wir konnten verschiedene Verträge mit bisherigen Sponsoren verlängern. Besonders gefreut hat mich, dass die Credit Suisse mit der Integration der Neuen Aargauer Bank (NAB) sogleich den bestehenden Vertrag als Co-Hauptsponsor um mehrere Jahre verlängert hat. Natürlich ist es in diesen Zeiten schwierig, neue Partner zu finden, aber wir sind auf verschiedenen Ebenen engagiert. Zugleich versuchen wir den bestehenden Sponsoren möglichst viel zurückzugeben - so haben wir uns stark für die Wiedereinführung des Live-Streams in der Challenge League eingesetzt oder unsere Partner bei digitalen Aktionen miteinbezogen, um mehr Werbepräsenz zu ermöglichen. Dazu gehört auch, dass wir in die neuen LED-Werbebanden investiert haben und den Sponsoren mit einem für sie geringen finanziellen Aufwand einen klaren Mehrwert bieten können.

Roland Baumgartner
«Am Ende waren wir jedoch extrem stolz, dass wir bewiesen haben, einen solchen Anlass durchführen zu können.»

Philipp Bonorand, VR-Präsident

Philipp, wie hast du die Solidarität in den letzten Monaten erlebt?

Patrick Haller

Es war beeindruckend zu sehen, wie viele Menschen ihre Verbundenheit mit dem Club gezeigt haben. Dies verdeutlicht, dass schon in der Vergangenheit sehr vieles richtig gemacht worden ist. Beim FC Aarau war dieses familiäre Zusammengehörigkeitsgefühl seit dem Aufstieg 1981 über viele Jahre stetig gewachsen und ist trotz vielen Höhen und Tiefen auch nach mehreren Saisons in der Zweitklassigkeit erhalten geblieben. Das finde ich wunderbar - so etwas kannst du dir mit einem Investor nicht kaufen. Zugleich bestätigt es meine Motivation, weswegen ich mich als VR-Präsident zur Verfügung gestellt habe. Du machst etwas für viele Menschen in der Region Aarau, denen der FC Aarau am Herzen liegt. Klar, aktuell braucht es einen grösseren Effort, um den Club zu führen. Aber ich habe viele positive Rückmeldungen erhalten, welche mir viel Energie für meine Arbeit geben. Und deshalb möchte auch ich nochmals ein riesiges Dankeschön an alle Personen richten, die den FC Aarau in diesen schwierigen Zeiten mittragen - ohne diese Unterstützung würden wir heute ganz woanders stehen, als wir es jetzt sind...

Philipp Bonorand

Die Menschen werden auch gespürt haben, dass sich der FC Aarau stark um Lösungen beim Stadionzugang einsetzt. Dazu wurden die Stehplätze extra mit Sitzen versehen.

Patrick Haller

In der Tat haben wir viele Abklärungen getroffen. Es war ein Sondereffort von verschiedenen Personen nötig - mit der Unterstützung von vielen freiwilligen Helfern haben wir das Stadion in ein kleines Schmuckstück verwandelt. Umso grösser war der Frust nach der vermeintlichen Absage des Heimspiels gegen Neuchâtel Xamax. Es war eine emotionale Achterbahnfahrt an diesem Tag. Am Ende waren wir jedoch extrem stolz, dass wir bewiesen haben, einen solchen Anlass durchführen zu können. Ebenso stolz waren wir auf unsere Zuschauer, welche sich vorbildlich verhalten haben. Leider konnten wir unser «neues» Brügglifeld nur in diesem Spiel nutzen, aber ich habe gelernt, solche Dinge in Corona-Zeiten mit Humor zu nehmen. Ich bin überzeugt, dass wir diese Sitze später nochmals brauchen werden und nach den Lockerungen sicherlich darauf aufbauen können.

Philipp Bonorand

Im zweiten Teil des grossen Interviews zum Jahresabschluss, welches am nächsten Donnerstag erscheint, geht es um die finanzielle Situation des FC Aarau, die Aussichten auf eine Rückkehr von Zuschauern sowie die jüngsten Entscheide an der Generalversammlung der Swiss Football League.

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